Zölibat

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Zölibat (lat. caelebs allein, unvermählt lebend) bezeichnet die als gesetzlich fixierte Verpflichtung umstrittene, auf positiver Rechtsetzung der Kirche und nicht etwa auf einem Gelübde beruhende, kirchenrechtlich wie spirituell abgesicherte dauernde Ehelosigkeit römisch-katholischer Geistlicher. Der Zölibat stellt eine unabdingbare Zugangsvoraussetzung für den Empfang der Priesterweihe dar.

Motivation und Inhalte

Nach herrschender theologischer Meinung bedeutet Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen“ den "zeichenhaften", in Nachahmung der Lebensweise Jesu Christi bewusst gelebten, freiwilligen und dauernden Verzicht auf Ehe und Partnerschaft, um frei zu bleiben für den Dienst Gottes und der Kirche (1 Kor 7,32-35, Mt 19,12). Die Ehelosigkeit gilt nicht als Gebot (1 Kor 7,25), sondern als eine persönliche Berufung und ein Geschenk Gottes, ein so genanntes Charisma.

Früher war auch der Aspekt der kultischen Reinheit zu nennen, der bereits im Alten Testament beim Tempeldienst eine Rolle spielte. Ein weiterer Beweggrund konnte im Versuch der Kirche gesehen werden, die Reduzierung der von Priestern verwalteten kirchlichen Pfründen zu verhindern. Diese wurden durch den Lebensunterhalt der Familie verheirateter Priester sowie durch Erbschaft dezimiert.

Im rechtlichen Sinn umfasst der Zölibat das Gebot ständiger Keuschheit sowie das Verbot, eine Ehe einzugehen. Für alle drei Weihestufen – Bischof, Priester und Diakon – ist der Zölibat vorgeschrieben. Eine Ausnahme bildet der Ständige Diakonat, der nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wieder eingeführt wurde. Eine Heirat ist jedoch nur vor der Weihe zum Diakon möglich. In den mit Rom unierten Kirchen gelten zum Teil andere Regelungen. Für das Bischofsamt aber wird der Zölibat verlangt, so dass Bischöfe zumeist dem Mönchsstand entstammen. In der anglikanischen und der altkatholischen Kirche gibt es keinen Pflichtzölibat.

Geschichte

Apostel Petrus, der "erste Bischof von Rom", auf dessen persönliche Berufung durch Jesus sich das ganze Papsttum noch heute stützt, war selbstverständlich verheiratet, wenn man den Text des Neuen Testaments in dieser Frage ernst nimmt. Nachweis: Heilung von Petri Schwiegermutter durch Jesus sowie in einem Paulusbrief die Klage (besser Genörgel) des Paulus über das "bequeme Leben" Petri.

Der so genannte Enthaltsamkeitszölibat (enthaltsames Leben ab dem Tag der Weihe) wurde erstmals auf der Synode von Elvira (ca. 306) fixiert. Diese Festlegung bedeutete kaum den Beginn einer Zölibatsverpflichtung, sondern griff wahrscheinlich auf eine längere Tradition zurück.

Die offizielle Kirche ging im Hochmittelalter zum Ehelosigkeitszölibat über. 1022 verlangte Papst Benedikt VIII., dass alle Geistlichen künftig nicht mehr heiraten durften. Verstöße gegen den Zölibat wurden mit Kirchenstrafen belegt. Die Lateransynode von 1059 verbot allen Priestern die Feier der Messe, denen ein öffentliches Konkubinat nachgewiesen werden konnte. Gerade Geistliche des niederen Klerus waren betroffen, es kam zu zu tausendfachen Protesten.

Bis zum Zweiten Laterankonzil 1139 gab es sowohl verheiratete als auch unverheiratete Priester. Das Konzil legte fest, dass „höhere Kleriker, die geheiratet haben oder eine Konkubine halten, [...] Amt und Pfründe [verlieren]“ und die Messen von Priestern, die eine Ehefrau oder Konkubine haben, „nicht mehr gehört werden“ dürfen. Zugleich wurde die Priesterweihe im Rechtsverständnis der Kirche zu einem trennenden Ehehindernis – was sie bis heute ist. Wer zum Priester geweiht ist, kann und darf also keine gültige Ehe schließen.

Das 2. Laterankonzil fand 1139 in Rom als das 10. ökumenische Konzil statt. Es beschloss den Zölibat für Priester. Initiativen zur Aufhebung des Pflichtzölibats wurden jedoch noch im 15. Jahrhundert auf dem Konzil von Konstanz wie auf dem von Basel unternommen. Bis zum Konzil von Trient (1545–1563) kam es vor, dass Priester mit Konkubinen zusammenlebten und dafür in der Regel eine hohe Geldstrafe auferlegt bekamen. Grundsätzlich hat sich aber das Zölibatsgesetz trotz mannigfacher Bestreitungen und Brüche bis heute gehalten.

Ein Grund für den Mangel an Priestern

Zusammenhänge zwischen der Zölibatsverpflichtung und dem zunehmenden Mangel an Seelsorgern werden zwar immer noch bestritten, sind aber offenkundig. Der aktuelle Priestermangel führt in westlichen Industriestaaten zu einer Unterversorgung der Gläubigen. Die Strecken, die zum Besuch eines Gottesdienstes zurückgelegt werden müssen, werden gerade in ländlichen Regionen immer länger, da die geringe Anzahl der Priester die Anzahl der Gottesdienste verringert. Umgekehrt bedeutet dies für die Priester, dass sie weniger Zeit für die einzelnen Gläubigen haben, da sie sich um eine größere Anzahl Gläubiger kümmern müssen.

In Deutschland und vielen anderen westeuropäischen Ländern hat die Anzahl der Priester in den vergangenen beiden Jahrzehnten abgenommen. So entstehen mittlerweile in den deutschen Bistümern so genannte Pfarrverbände. Zudem werden in Deutschland verstärkt Priester aus anderen Staaten (Polen, Indien und Drittweltstaaten)eingesetzt.

Dispens

Unter einer Dispens ist die Freistellung eines Mannes von der Verpflichtung zur Ehelosigkeit zu verstehen. Eine solche Dispens ist dem Papst vorbehalten und wird derzeit nur unter bestimmten Voraussetzungen erteilt: Sie kann im Zuge der so genannten Laisierung gewährt werden. Mit dieser ist die Dispens zur kirchlich gültigen Eheschließung und zur Übernahme nichtpriesterlicher Berufe und Ehrenämter in der Kirche verbunden. Auch kann einem verheirateten Mann vor der Priesterweihe eine Zölibatsdispens erteilt werden, so dass er, ohne das Versprechen der Ehelosigkeit abzulegen und ohne Einschränkung seines Ehelebens, zum Diakon und Priester geweiht werden kann. Diese Dispens kann nur der zuständige Bischof beantragen.

Reform?

Die Regelung der verpflichtenden Ehelosigkeit wurde durch die gesamte Kirchengeschichte hindurch kontrovers diskutiert. In der Gegenwart werden die Stimmen auch von kirchlichen Amtsträgern sogar lauter, die eine Abschaffung des Zölibatsgesetzes fordern. Kritiker betonen, dass es keine biblische Verankerung der Ehelosigkeit für Priester gibt, sondern im Gegenteil verheiratete Amtsträger vorausgesetzt werden (1 Kor 9,5; 1 Tim 3,2).

Auf einer ähnlich langen Tradition wie das Zölibatsgesetz beruhende Bestrebungen bezwecken damit die Ablösung der generellen Gesetzesverpflichtung zugunsten einer freien Wahlmöglichkeit zwischen verheiratetem und ehelosem Priester. Argumentiert wird häufig, das zölibatäre Leben führe zu einer geringeren Zahl der katholischen Priesterberufungen; dies ist vor allem in Afrika der Fall. Zwischen 2000 und 2004 haben an die 5.500 Priester ihr Amt wegen einer Partnerschaft niedergelegt. Von 69.000 Priestern, die in den letzten 40 Jahren geheiratet haben, sollen 11.200 den Schritt bereut haben und nach einer Trennung oder nach dem Tod des Partners wieder Priester geworden sein.

Papst um Papst hat sich in den letzten Jahrzehnten geweigert, selbst aktuelle Notlagen (Priestermangel) dadurch beheben zu helfen, dass er die Zölibatsverpflichtung aufhob oder zumindest lockerte.

Aktuelle Quellen über die Zahl der Beziehungen von Priestern zu Frauen und der in ihnen geborenen Kinder gibt es nicht. Manche sprechen von einigen Tausend betroffenen Kindern allein in Deutschland.

Zitate

"Überhaupt sind Mannspersonen, die im Zölibat leben, im Durchschnitte gottlos; ehelos gebliebene Frauenzimmer aber fromm" (Theodor Gottlieb von Hippel).

"Wäre die Ehe ein gutes Sakrament, hätten die Priester es für sich behalten" (Sprichwort aus Friaul).

Literatur

Georg Denzler: Die Geschichte des Zölibats. Herder, Freiburg 2002, ISBN 3-451-04146-4

Anton Grabner-Haider: Von Gott gewollt? Verheiratete katholische Priester und ihre Familien. Böhlau Verlag, Wien 2008. ISBN 978-3-205-77738-0.

Stefan Heid: Zölibat in der frühen Kirche. 3. Auflage. Schöningh, Paderborn 2003, ISBN 3-506-73926-3

Horst Herrmann: Die Heiligen Väter. Päpste und ihre Kinder. Aufbau, Berlin 2004, ISBN 3-7466-8110-3

Horst Herrmann: Der priesterliche Dienst IV. Kirchenrechtliche Aspekte der heutigen Problematik. Herder, Freiburg-Basel-Wien 1974.

Karin Jäckel: Sag keinem, wer dein Vater ist. Das Schicksal von Priesterkindern. Lübbe, Bergisch Gladbach 2004, ISBN 978-3404605439

Hubertus Mynarek: Eros und Klerus. Vom Elend des Zölibats. Econ, Wien und Düsseldorf 1978, ISBN 3-426-03628-2

Uta Ranke-Heinemann: Eunuchen für das Himmelreich. Katholische Kirche und Sexualität. Heyne, München 2003, ISBN 978-3-453-16505-2