Reliquien

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Reliquien sind in Religionen gebräuchlich, vor allem aber dienen diese Überbleibsel von Gegenständen oder Menschen als Objekte einer besonderen Art der Heiligenverehrung in der katholischen Kirche. Im Protestantismus wird die Reliquienverehrung seit Martin Luther abgelehnt.

Geschichte

Bereits im Frühchristentum begann sich eine Verehrung der Märtyrer zu entwickeln. Der Brauch, über den Gräbern großer Heiliger Kirchen zu errichten, wird heute fortgeführt durch die Einlassung kleiner Reliquien in die Altäre katholischer Kirchen. Im Katholizismus stellt der Reliquienkult eine der ältesten Formen der Heiligenverehrung dar und ist schon seit dem 2. Jahrhundert belegt. Mittelalterliche Kathedralen verdanken ihre Entstehung und Berühmtheit vor allem hochverehrten Reliquien, so z. B. der Drei Könige in Köln.

Die Auffindung vermeintlicher Reliquien in Jerusalem und im Nahen Osten ist ein Phänomen, das für das frühe Christentum typisch ist: Der Glaube soll durch (greifbares) Wissen untermauert werden; oft spielen politische und soziale Komponenten die entscheidende Rolle. Beispiele sind die Auffindung des Kreuzes Jesu im 4. Jahrhundert sowie die Auffindung der Ketten des Petrus im 5. Jahrhundert. Die Liturgie der Papstkirche feierte die „Auffindungen“ als eigene Feste.

Da der Glaube an die Wirkmacht der Reliquien wuchs, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Handel mit Heiligenteilen etablierte. Reliquien wurden wie Markenartikel gefälscht; zu manchen Zeiten hatten sich eigene Fälscherwerkstätten etabliert. Bei ihnen war in späteren Jahrhunderten Phantasie gefragt, wollten sie ihr Gewerbe stabilisieren: So vermehren sich zum einen die Heiligenteile auf wundersame Weise (Reliquienmultiplikation), so dass manche Heilige ein gutes Dutzend Köpfe und Arme aufweisen können. Zum anderen wurden immer exotischer anmutende Reliquien erfunden, etwa Stücke vom „Lehm, aus dem der Herr den Adam gebacken“, oder Federn und Eier des als Taube dargestellten Heiligen Geistes.

Alle Reliquien, die aus den frühen Jahrhunderten oder gar aus den Zeiten des Alten wie des Neuen Testamentes stammen sollen, außerdem sehr viele, wenn nicht fast alle späteren Reliquien sind trotz ihrer Echtheitsurkunden als unecht zu bezeichnen; eine Berufung auf die pia fraus (frommer Betrug „zu guten Zwecken“) ist unzulässig. Die entsprechenden (offiziellen) Konsequenzen stehen noch weithin aus.

Klassifizierung

Unter Reliquien erster Klasse versteht die Catholica alle Körperteile eines Heiligen, insbesondere Partikel seiner Knochen, doch auch Haare, Fingernägel und sonstige Überreste, in seltenen Fällen Blut. Bei Heiligen, deren Leib verbrannt wurde, gilt die Asche als Reliquie erster Klasse.

Reliquien zweiter Klasse, echte Berührungsreliquien genannt, sind Gegenstände, die der Heilige zu seinen Lebzeiten berührt hat, so Objekte von besonderer biographischer Bedeutung. Dazu gehören Gewänder, bei Märtyrern Folterwerkzeuge.

Reliquien dritter Klasse (mittelbare Berührungsreliquien) meinen Gegenstände, die Reliquien erster Klasse berührt haben. Solche Objekte, meist kleine Papier- oder Stoffquadrate, die kurz auf die Reliquien gelegt und hinterher auf Heiligenbildchen geklebt werden, lassen sich bis heute an Pilger verkaufen.

Aufbewahrung

Ein so genanntes Reliquiar ist ein meist künstlerisch aufwendig gestaltetes, reich verziertes Behältnis für Reliquien in Form von Medaillons, Kästchen, Kreuzen, Amuletten, Büsten. Im weiteren Sinn können auch Sarkophage, die Heiligenreliquien (z. T. vollständige, oft mumifizierte Leichname) enthalten, so benannt werden. Reliquiare hatten, kunstgeschichtlich gesehen, ihre eigene Blütezeit: In der Gotik entwickelte sich ein förmlicher Kult der „Sichtbarkeit". Jetzt wurde gefordert, dass ein Mysterium auch gesehen werde, und so entstanden zur Intensivierung des Schauerlebnisses Monstranzen oder kostbare Reliquiare. An die Stelle der bisherigen Kulte im Dunkel der Krypten und Grüfte trat eine neue Sicht: Was früher den Rang einer Kirche ausgemacht hatte, Zahl, Wert, Verteilung der Reliquien sowie Vielzahl der Altäre, wurde neuerdings zusammengefasst. Die Sarkophage der Heiligen wurden dabei geöffnet, ihr Inhalt in Schreine und Reliquiare umgepackt. Oft blieben aber die Gebeine der Heiligen auch in ihren Sarkophagen liegen, während Sekundärreliquien wie Stäbe, Trinkbecher, Kleidungsstücke in den Vordergrund des Schauens traten. Da die Pilger „ihre“ Reliquien zu küssen wünschten, wurden Reliquiare verkleinert und so handlich gemacht, daß sie zum Kuss gereicht werden konnten. Gegen Ende des Mittelalters kommen „Paradiesgärtlein“ für Reliquien auf: Schaukästen mit Blumen aus Gold- und Silberdrähten.

Gebrauch und Mißbrauch

Bestimmte Leichname waren begehrt: Sobald ein besonders geachteter Mönch starb, eilten Liebhaber und Geschäftstüchtige herzu, um seine Leiche zu ergattern. Wer sich im Geruch der Heiligkeit wähnte, suchte sich denn auch vor dem Schicksal zu schützen, zu früh ganz oder in Teilen zur Reliquie zu werden. Er erbat sich ein Begräbnis an einem geheimen Ort oder machte einen weiten Bogen um Orte, in denen er zum Reliquienobjekt zu werden fürchtete.

Bereits früh führten Reliquiengier, Reliquienraub, Reliquienschmuggel und Reliquienschacher dazu, dass zahlungskräftige Liebhaber sich ganze Sammlungen zulegen konnten. Diese erreichten im 16. Jahrhundert ihren quantitativen Höhepunkt.So besaß Wittenberg Tausende von Reliquien, die meisten von Kurfürst Friedrich dem Weisen (1463-1525) aus Palästina eingeführt; bis 1522 war für den Fürsten ein eigener Einkäufer in Venedig tätig. Von 5.262 Stücken im Jahr 1513 steigerte sich die Sammlung bis 1520 auf 18.970 Teile. Die auf diesen liegenden Ablässe betrugen insgesamt 1.902.202 Jahre und 270 Tage. Übertroffen wurde dieser Schatz durch die Sammlung zu Halle, die 1520 schon 42 vollständige Körper umfaßte und ein Vielfaches an Ablässen erbrachte, insgesamt über 39 Millionen Jahre; 1521 war die Zahl der Hallenser Partikel auf 21.441 angewachsen. Der Schatz wurde vor der Reformation nach Mainz gerettet.

Von 19 überprüften Heiligen existierten schließlich 121 Köpfe, 136 Leiber und eine Fülle anderer Glieder. Der hl. Stephanus besaß einmal 13 Arme, der hl. Philippus ein Dutzend, der hl. Vinzenz 10, der hl. Andreas 17.

Mit der Zeit wurden auch Reliquienkreditgeschäfte getätigt. Das bedeutete die Hinterlegung von Reliquien in einer Kreditanstalt zur Absicherung bestimmter Kreditgeschäfte. Hoch bewertete Reliquien wurden im Mittelalter mit großer Selbstverständlichkeit von ihren Besitzern (Städten, Diözesen) hinterlegt.

Doch auch eine bestimmte Reliquienmystik setzte ein: Exaltierte Emotionen („Glaubensräusche“)waren nicht selten ganz von erotischen wie sexuellen Träumen, Wunschvorstellungen, Visionen („Lanzen, Speere, Pfeile“; „tiefe Wunden“) bestimmt und brachten wenig rational begründete und zugängliche „Verzückungen“ mit sich. Doch sie ließen durch Jahrhunderte hindurch diverse „Christusbräute“ in Akten der Jesus- und Marienminne geradezu erschauern. Die Legenden selbst, die diese Reliquienmystik stützten, orientierten sich u. a. an der jüdischen apokryphen Literatur und verwandten u. a. althergebrachte Klischees über sadomasochistisch bestimmte Folterarten.

Kurioses

Bei der unter politischen Gesichtspunkten (u. A. „deutscher Michel“ wegen des Bildes auf der Reichsfahne) über Jahrhunderte hinweg angenommenen Bedeutung des Erzengels, des Patrons zahlreicher Länder, Städte und Zünfte, verwundert es nicht, dass der immer wieder in Engellegenden genannte, betont kriegerische Michael zur Reliquiengewinnung herangezogen wurde (Schwert, Schild, Dolch), auch wenn Engel, die nach theologischer Ansicht reine Geistwesen sind, an sich wenig reliquientauglich sein dürften.

Bei dem so genannten sanctum praeputium handelt es sich um einen angeblich bei der Beschneidung des Knäbleins Jesus von Nazareth (Lk 2, 21) gewonnenen, als singuläre Herrenreliquie geltenden und entsprechend wundersam überlieferten Körperteil Jesu, die Vorhaut. Schon eine Reihe von Kirchenvätern quälte das ungewisse Schicksal dieser Vorhaut, die Jesus bei seiner Beschneidung verloren haben musste: War das praeputium verwest, geschrumpft, nachgewachsen? Schuf sich der Herr ein neues? Besaß er es beim Letzten Abendmahl, als er das Brot in seinen Leib verwandelte? Trug er es bei seiner Himmelfahrt, trägt er es im Himmel selbst? Ist es seinen Proportionen adäquat? Wie verhält sich seine göttliche Natur zu diesem Körperteil des Mannes Jesus? Kann die Reliquie überhaupt echt sein - und wenn ja, muß sie angebetet oder, wie andere Reliquien, bloß verehrt werden? Die Vorhaut, im kirchlichen Schamgefühl „heilige Tugend“ genannt und von Nonnen als „Verlobungsring“ der Braut Jesu mystifiziert, wurde wegen ihres besonderen Charakters gleich an 13 Orten in Italien, Frankreich, Belgien, Deutschland verehrt.

Die Muttermilch Mariens, eine durchweg unechte, aber von Natur aus wichtige Reliquie, bekam mit dem Aufkommen der eigentlichen Marienverehrung ab dem 5. Jahrhundert eine immer weiterreichende Bedeutung. Auch das Wasser, das mit dem Kalkgestein der Geburtsgrotte zu Bethlehem (Crypta lactea) in Berührung gekommen war und eine milchige Färbung angenommen hatte, wurde als Milch Mariens verehrt. Im mittelalterlichen Italien soll es kaum mehr eine Kapelle oder Kirche gegeben haben, die nicht eine Ampulle mit der Muttermilch der Jungfrau Maria vorweisen konnte.

Literatur

Arnold Angenendt: Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart. Beck, München 1997, ISBN 3-406-42867-3

Horst Herrmann: Lexikon der kuriosesten Reliquien. Vom Atem Jesu bis zum Zahn Mohammeds. Rütten & Loening, Berlin 2003, ISBN 3-352-00644-X

Karl-Heinz Kohl: Die Macht der Dinge. Geschichte und Theorie sakraler Objekte. Beck, München 2003. ISBN 3-406-50967-3