Religionsmaschine

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Religionsmaschine (Religionsmaschinerie) ist ein von Horst Herrmann eingeführter Begriff der Religionskritik. Menschen, die sich einer verkirchlichten Religion überlassen, dürfen eine unterdessen maschinisierte Definitionsmacht an sich erfahren. Die Religionsmaschinerie gleicht einer Konserve ideologischer Kraft. Ihre Leistungen, die Tausende von Jahren und Millionen von Menschen ihrem Sieg geopfert hat, lassen sich auf Prinzipien maschineller Produktion reduzieren.

Das Ganze wird bedient von eigenen „Wertevätern“. Diese sind patriarchal bestimmte Männer mit erheblichem Einfluß auf Gruppen oder Gesellschaften. Sie sind fähig wie bereit, sich eine eigene patriarchale Welt zu schaffen. Sie verteidigen Werte, die ihnen selbst und ihren Interessen am meisten dienen, als seien sie für alle Menschen in den jeweiligen Gruppen und Gesellschaften notwendig.

Die Maschine

Am Beispiel der katholischen Kirche ist festzumachen: In der Maschinisierung menschlichen Glaubens bleibt sie unübertroffen.

Ein eigens als oberster Bediener der Maschine installierter Heiliger Vater muss definitiv wissen und unfehlbar sagen, was Glaube ist und was dessen wahre Inhalte ausmacht. Er lehrt, dass die korrekte Befolgung seiner Anweisungen nicht nur die Gruppe sichert, sondern auch den einzelnen Menschen erlöst. Die Definitionsgewalt des Papstes spricht sich damit eine oberste Kompetenz gegenüber allen Menschen zu, deren Bestes sie angeblich kennt und will (Erfindung der Maschine).

Werteväterschaft ist nach einem festen Grundsatz gegliedert: Oben steht einer, der alles weiss, ganz unten stehen Millionen, denen gesagt werden muss, was richtig und heilsam ist. Das System hat hierarchischen Charakter: Es legt von oben her das Oben und das Unten fest (Bauanleitung).

Die wahre Kirche stellt die exklusive Gruppe dar, in der sich wahrer Glaube konkretisiert. Glaube ohne Kirche bleibt mangelhaft, und Kirche, die kein Oben und Unten kennt (wie protestantische oder sonstige papstfreie Kirchen), ist keine richtige Kirche. Effiziente Konstruktion und Kontrolle von religiösem Know-how und Glauben benötigen also eine eigene Verteidigungsorganisation, die wahre Kirche (Wartung).

Kraft selbstdefinierter Kompetenz zergliedert das Wort eines Wertevaters die Realitäten der Welt und rekonstruiert sie nach einem eigenen, sich selbst dienlichen Wertesystem (Autosystematisierung). Der „Heilige Vater“ definiert zum Beispiel, was Natur ist - und was als widernatürlich gelten muss (Geburtenkontrolle, Homosexualität). Er hat die Natur voll im Griff.

Wehe dem, der freies Denken schätzt! Für die Zergliederung und Rekonstruktion einer Welt wird reproduzierender Gehorsam bei den zuvor als nicht definitionsmächtig definierten Gläubigen eingefordert - und nichts anderes, keine Diskussion, kein offener Zweifel, keine Ketzerei (Funktionalisierung).

Systemfremdes, freies Denken und Handeln wird ausgegliedert, weil es die Leistung der offiziellen Maschine schmälert (Leistungswahrung).

Niemand, selbst der Papst nicht, ist perfekt. Wo eine jahrhundertealte Systemtheorie Lücken belassen hat, stellen Werteväter die Maschine der Vorsehung ihres Gottes, die künftige Systembesserungen antreibt, ergänzend zur Verfugung (Innovation).

Menschen, die solcher Maschinerien bedürfen, gibt es genug. Und Ärzte gibt es in hellen Haufen. Vatergewalt muss greifbar bleiben. Noch ins kleinste Dorf gehört ein Wertevater. Noch die niedrigste Kanzel muss besetzt sein. Werteväter betätigen sich nicht zuletzt gegenüber religiös bestimmten Menschen als Angst- und Hoffnungsmacher in einem. Die Glaubenden sind angehalten, engsten Anschluß an die Gewaltmacht zu suchen. Sie erreichen ihr Ziel durch korrektes Paktieren mit der Generalmacht Gott.

Literatur

Horst Herrmann: Vaterliebe. Ich will ja nur dein Bestes, Rowohlt Reinbek 1990.