Reformation

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Luthers 95 Thesen.
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Satirische Darstellung Martin Luthers, des Papstes und Calvins im Streit auf einem Flugblatt 1620

Reformation (v. lat. reformatio = Rückformung (nämlich zum Alten, Wahren)) bezeichnet im engeren Sinn die in Deutschland überwiegend von Martin Luther, in der Schweiz von Johannes Calvin und Ulrich Zwingli angestoßene Erneuerungsbewegung im Christentum.

Ausgangssituation

Eine Vielzahl von Faktoren bereits aus der Zeit des Spätmittelalters bereitete den Nährboden für die Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts.

Politisch

  • Das Heilige Römische Reich deutscher Nation war in viele Herrschaftsbereiche (Fürstbistümer, Herzogtümer und Grafschaften) zersplittert. Die sieben Kurfürsten wählten den Kaiser, daneben stellten die anderen Reichsstände, wie etwa einige beutende Städte oder auch die Reichsritter, wesentliche Machtfaktoren dar. Wesentliches Forum für dieses komplizierte Kräftespiel waren die Reichstage, die vom Kaiser bei Bedarf, d.h. manchmal auch sehr unregelmäßig, einberufen wurden, im Zuge der Reformation aber eine wichtige Rolle spielten.
  • Kaiser des Heiligen Römischen Reiches war während der Hauptphase der Reformation Karl V. Seine Verpflichtungen in Spanien, Italien, den Niederlanden und Burgund und seine Kriege mit Frankreich und den Türken beanspruchten seine volle Aufmerksamkeit und führten zu häufigen Abwesenheiten von Deutschland - die deutsche Politik und die Frage der Kirchenreform waren für ihn nur ein Politikfeld unter vielen.

Innerkirchlich

  • In Folge der Konzile von Pisa und Konstanz (im 15. Jahrhundert) war das Schisma der abendländischen Kirche zwar beendet worden. Obwohl die Lehren John Wyclifs und Jan Hus' verworfen wurden, kam es durch die Konzile zur Aufstellung umfangreicher Reformprogramme. Diese waren notwendig geworden durch sichtbare Verfallsprozesse in der Kirchenverfassung und innerhalb des Klerus, sowohl in der Lebensführung der Geistlichen in den Gemeinden vor Ort, der zum Großteil wie weltliche Fürsten agierenden Bischöfe als auch der päpstlichen Kurie. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts konnte der Papst aber seine Position gegenüber dem Konziliarismus wieder ausbauen; bestehende Reformbeschlüsse wurden abgeschwächt oder verliefen ins Leere - eine umfassende Reform der Kirche von innen heraus war letztlich gescheitert (und sollte für die römisch-katholische Kirche erst nach der Reformation auf dem Konzil von Trient gelingen). Zitat: „Die im 15. Jahrhundert offensichtliche Reformunfähigkeit und -willigkeit des Klerus, vor allem der Kurie, brachte eine Reihe prominenter Theologen [der Zeit] dazu, einen generellen kirchlichen Notstand anzunehmen.“ [1]
  • Die Kirche war eine sehr mächtige Institution in Europa, deren Gesetze, Vorschriften und Strafen auch für den Alltag der Menschen relevant waren. Dies ging mit Angst vor den Bischöfen und Priestern einher. Zugleich waren die Geistlichen schlecht ausgebildet, die Bischöfe bisweilen durch Ämterkauf oder aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen (Nepotismus) auf die Bischofsstühle gekommen. Sie sorgten sich weniger um die Gläubigen als um ein bequemes oder politisch einflussreiches Leben für sich selbst, wofür sie hohe Geldbeträge aufwenden mussten, die sie durch Steuern wieder eintrieben. Dies alles förderte eine antikirchliche Stimmung im Volk.
  • Im Zuge des Neubaus des Petersdoms, den Papst Julius II. angestrengt hatte, mussten seine Nachfolger neue Geldquellen erschließen. Papst Leo X. gewährte demjenigen einen besonderen Ablass, der für den geplanten Neubau zu spenden bereit war. In Deutschland bemühte sich im Auftrag des Erzbischofs Albrecht von Brandenburg von Mainz (und auch von Magdeburg und Halberstadt) der Dominikanermönch Johann Tetzel übereifrig, die Gläubigen zu großzügigen Gaben anzuhalten. - Dieser Punkt wird als letzter Auslöser für die Reformation angesehen.
    • Der konkrete Anlass für den Ablass war der Verkauf des Bistums Magdeburg an Albrecht von Mainz. Nach den Bestimmungen des Kirchenrechts (des Corpus Iuris Canonici) durfte allerdings niemand mehr als einen Bischofssitz innehaben. Da der Papst Geld brauchte, störte ihn das Kirchenrecht wenig. Albrecht musste das Geld bei den Fuggern leihen und bekam zur Refinanzierung das Recht an den Ablässen, an denen der Papst nochmals mitverdiente.
    • Der Bau des Petersdoms wurde damals und wird auch noch heute gern als Hauptgrund genannt, weil das Ziel verständlich war. Daneben gab es für die ständige Ebbe in der Kasse des Papstes weitere Gründe: Zum einen die andauernden Kriege in Oberitalien und zum andern seine auch nach damaligen Maßstäben grandiose Verschwendungssucht - immerhin hatte er in knapp zwei Jahren die Hinterlassenschaft seines Vorgängers durchgebracht.

Gesellschaftlich

  • Die Pestepidemien konfrontierten die Menschen beständig mit dem Tod und der Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Gläubigen erwarteten sich von der Kirche Antworten, die sie nicht geben konnte.
  • Erfindungen gab es in dieser Zeit zuhauf (z.B. den Buchdruck durch Johannes Gutenberg). Auch bahnbrechende Entdeckungen (heliozentrisches Weltbild von Nikolaus Kopernikus) ließen das überkommene Weltbild zusammenbrechen und schürten die Unsicherheit im Volk. Die Philosophie der Renaissance tat ein Übriges: Erasmus von Rotterdam trat für einen persönlichen, von Vorbildern freien Lebensstil ein, Wilhelm von Ockham brachte mit seinem Gedanken vom natürlichen Recht die Trennung von Kirche und Staat in die Diskussion.

Beginn

In diese Situation der Unzufriedenheit und der Unsicherheit stieß der Augustinereremit und Theologieprofessor Martin Luther aus Wittenberg eine neue Diskussion an. Seine 95 Thesen sandte er am 31. Oktober 1517 an den Erzbischof von Mainz und einige gelehrte Freunde (ob es den berühmten Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg gegeben hat, ist umstritten). Luthers Thesen sollten Grundlage für einen wissenschaftlichen Disput sein. Doch die Thesen wurden ins Deutsche übersetzt und konnten mit Hilfe der neu erfundenen Buchdrucktechnik schnell verbreitet werden. Da sie gegen den Willen Luthers der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, setzte eine ursprünglich nicht beabsichtigte Diskussion in allen Bevölkerungsschichten ein, die nicht immer nur theologische Argumente beinhaltete.

Der lutherische Ansatz

Der Augustinereremitenmönch Martin Luther litt und rang damit, sich Gottes Gnade durch eigene Anstrengungen verdienen zu müssen, bis er im Bibelstudium Römer 3, 28 entdeckte: So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Die oft in den Vordergrund gerückten Missstände der Römisch-Katholischen Kirche waren für Luther nicht der Auslöser der Reformation. Sein Problem war allein theologischer Natur. Seine Verwerfung des sich in Deutschland durch den Prediger Tetzel verbreitenden Ablasshandels und vieler anderer Traditionen der Kirche war die für ihn notwendige Folge seiner Auslegung der bereits von Paulus diskutierten Gerechtigkeit allein aus Glauben (Römer 1, 17: Denn im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie es in der Schrift heißt: Der aus Glauben Gerechte wird leben.)

Grundgedanken

Die wesentlichen Punkte der Reformation, die auch heute noch gemeinsamer Nenner der protestantischen Kirchen sind, werden oft mit dem vierfachen "allein ..." ausgedrückt:

  • sola scriptura - allein die Schrift ist die Grundlage des christlichen Glaubens, nicht die (nur mit der Autorität der Bischöfe oder des Papstes entstandene) Tradition (Galater 2, 6-9)
  • solus Christus - allein Christus, nicht die Kirche, hat Autorität über Gläubige (Epheser 5, 23-24)
  • sola gratia - allein durch die Gnade Gottes wird der glaubende Mensch errettet, nicht durch eigenes Tun (Römer 1, 17)
  • sola fide - allein durch den Glauben wird der Mensch gerechtfertigt, nicht durch gute Werke (Galater 2, 16)

Bibelübersetzungen

Luthers Bibelübersetzung war ebenfalls grundlegend und neu. Die zu seiner Zeit verbreiteten Bibelübersetzungen fußten auf der Vulgata, der von Hieronymus geschaffenen lateinischen Bibel, die ihrerseits auf der griechischen Septuaginta beruhte (Altes Testament). Die ursprünglich hebräischen und aramäischen Texte des Alten Testamentes hatten also mindestens drei Übersetzungsvorgänge, die des Neuen Testamentes zwei hinter sich, bevor sie in Deutscher Sprache zu lesen waren. Luther bemühte sich um direktere Übersetzungen aus dem Hebräischen bzw. Griechischen. Dabei bediente er sich einer volkstümlichen und verständlichen Sprache, die für lange Zeit nicht nur zum Maßstab deutscher Bibelübersetzungen wurde, sondern auch maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung einer standarddeutschen Hoch- und Schriftsprache hatte. (Übrigens hatten auch schon John Wiclif und Jan Hus Teile der Bibel in ihre Landessprache übersetzt - sehr zum Missfallen der Amtskirche)

Kritik an bestehenden Traditionen

Dabei gibt es zwei Ansätze:

  • Luther unterzog die Traditionen der Kirche einer strengen Überprüfung. Messlatte war der Text der Bibel. Traditionen, die nach seiner Meinung der Schrift zuwider liefen, wurden abgeschafft. Er trat aber dafür ein, Traditionen, die nicht direkt auf der Bibel fußten, aber hilfreich für das Leben der Gläubigen waren, beizubehalten. So sprach sich Luther aus didaktischen Gründen gegen ein Bilderverbot in der Kirche aus und behielt die äußeren Formen des Gottesdienstes bei (vgl. Deutsche Messe (Gottesdienst)).
  • Ulrich Zwingli und Johannes Calvin lehnten konsequent alle Traditionen ab, die nicht in der Bibel begründet sind. Daher haben die reformierten Kirchen nüchterne Gotteshäuser, die höchstens mit Bibelsprüchen dekoriert sind; die Kirchenstruktur ist synodal, presbyterianisch oder kongregationalistisch strukturiert, d.h. ohne Bischofsamt; Zwingli lehnte zeitweilig sogar Instrumentalmusik in der Kirche ab. Das Abendmahl ist für beide eher eine Gedenkfeier.

Beiden Richtungen gemeinsam war die massive Kritik am Papsttum. Zugrunde liegt wieder ein theologisches Problem. Die Sonderstellung des römischen Bischofs wird traditionell begründet mit Matthäus 16,18 (Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.) Christus bezeichnet Petrus als Fundament der Kirche. Petrus wird später Bischof von Rom. Das wird als Einsetzung des Papstes durch Christus ausgelegt. Dieser wiederum hat stellvertretend für Christus die Vollmacht, weitere Priester zu ernennen. Dem stellt Luther Matthäus 18,19 gegenüber, wo die Gemeinde Christi als Versammlung von mindestens zwei Menschen unter dem Namen Christi definiert wird. In Verbindung mit Kapitel 12 des 1. Korintherbrief wird die Vorstellung vom Laienpriestertum entwickelt. Der Pfarrer ist dann nicht mehr Nachfolger des von Christus eingesetzten Petrus, sondern das Glied der Gemeinde, das es am besten versteht, die Aufgaben des Pfarrers, wie Predigt und Seelsorge, wahrzunehmen. Dieses Gemeindemitglied hat seine Sonderstellung nicht aufgrund seiner Weihe, sondern aufgrund seiner Ausbildung.

Neue Gottesdienstordnungen

Verschiedene Reformatoren (Thomas Müntzer, auch Karlstadt und später auch Luther) bemühten sich um die Schaffung von Gottesdienstordnungen in der Landessprache. Diese ersetzten in den protestantischen Gebieten rasch die lateinische Messe. Im Zentrum dieser neuen evangelischen Ordnungen standen Schriftlesung und Predigt (Wortgottesdienst). Die deutsche Bibelübersetzung ermöglichte es jedem Gemeindemitglied, die Auslegung des Pfarrers (Predigt) mit dem Wort der Bibel zu vergleichen. Luther und Müntzer blieben mit ihren Vorschlägen eng an der inneren Ordnung der Messe, Zwingli und später auch Calvin formten dagegen gänzlich neue Liturgien.

Unmittelbare politische Entwicklungen

Die Grundlagen der Reformation waren im Gegensatz zu späteren Interpretationen nicht die politischen und sozialen Missstände der Kirche. Diese waren lediglich der Nährboden für die neuen theologischen Gedanken der Reformatoren. Luther versuchte zuerst ein theologisches Problem zu lösen. Die protestantischen Reichsfürsten hingegen versuchten mit der Reformation einige ihrer politischen Probleme mit Kaiser und Papst zu lösen.

Zum theologischen Ringen um die richtige Auslegung der Bibel traten auch bald politische Aspekte hinzu. Die neuen Gedanken gaben den Reichsfürsten eine theologische Begründung, die von Rom auferlegte Abgabenlast reduzieren zu können. Das Entstehen der protestantischen Landeskirchen stärkte ebenfalls die Autonomie der Fürstentümer. Bedeutende protestantische Territorien im Deutschen Reich waren Hessen, die Kurpfalz, Sachsen und Württemberg.

Es kam in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu verschiedenen Kriegen zwischen Katholiken und Protestanten innerhalb des Reiches (Schmalkaldischer Krieg) und der Schweiz (Zweiter Kappelerkrieg), die in Deutschland 1555 mit dem Augsburger Religionsfrieden und in der Schweiz 1531 mit dem 2. Landfrieden von Kappel endeten. Bei beiden lief es auf die Lösung „cuius regio, eius religio“ (wessen Land, dessen Glaube) heraus: In Deutschland bestimmte der jeweilige Fürst bzw. in den Reichsstädten der Magistrat die Konfession des Landes, in den Schweizer Kantonen die jeweiligen Regierungen.

Der sogenannte linke Flügel der Reformation

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Titelseite der Schleitheimer Artikel - Konvergenzerklärung verschiedener Täufergruppen

Die von dem Täuferforscher Heinold Fast so bezeichnete reformatorische Bewegung bietet kein einheitliches Bild. Zwar war allen (wie übrigens auch anderen Reformatoren) eine apokalyptische Welt- und Zeitsicht eigen. Die Konsequenzen, die sie jedoch daraus zogen, waren durchaus unterschiedlich.

Zum einen gehörten zu diesem linken Flügel die radikalen Reformatoren, für die hier stellvertretend Thomas Müntzer, der große Gegenspieler Martin Luthers, genannt werden soll. Ihre zentralen Anliegen waren die radikale Reform der Kirche und die revolutionäre Umwälzung der politischen und sozialen Verhältnisse. Hier lagen auch die Wurzeln des Deutschen Bauernkriegs. Dabei kam es auch in Thüringen zur Gründung des Ewigen Rates, der die politischen und sozialen Forderungen der Bauern durchsetzen sollte.

Die kurz nach dem Bauernkrieg im Umfeld der Schweizer Reformation entstandene Täuferbewegung verfolgte die Wiederherstellung der neutestamentlichen Gemeinde Jesu. Die von ihnen ausschließlich praktizierte Gläubigentaufe, die von ihren Gegnern als Wiedertaufe bezeichnet wurde, war nur ein Teil und – genau genommen – Folge ihrer Ekklesiologie. Kirche war für sie die Gemeinde der Gläubigen, in der die sozialen Schranken gefallen waren. Sie praktizierten das Allpriestertum und wählten ihre Ältesten und Diakone auf "demokratische" Weise. Sie traten für die radikale Trennung von Kirche und Staat ein, forderten Religionsfreiheit nicht nur für sich und verweigerten in weiten Teilen ihrer Bewegung den Eid. Vor allem das machte sie der Obrigkeit verdächtig, die weniger ihre abweichenden theologischen Ansichten, als ihre Kritik an der weltlichen Obrigkeit nicht akzeptieren konnte und deshalb zu scharfen Gegenmaßnahmen und Verfolgungen griff. Zu ihnen gehörten unter anderem auch die Hutterer und die Mennoniten.

Ganz anders positionierten sich die so genannten Münsterschen Wiedertäufer, deren Wegbereiter – wenn auch ungewollt – Melchior Hofmann geworden war. Ihr enthusiastischer und gewaltbereiter Chiliasmus, der durch die erlittenen Verfolgungen entfacht worden war, gipfelte in der gewaltsamen Aufrichtung des Königreichs von Münster. Ihre Führer sahen sich als die entscheidenden Werkzeuge und Wegebahner eines hereinbrechenden Reiches Gottes.

Eine vierte Gruppe innerhalb des linken Flügels der Reformation bildeten die von ihren Gegnern als Schwärmer bezeichnete Bewegung. Sie waren mit der Täuferbewegung eng verwandt und gingen zum Teil aus ihr hervor. Sie vertraten einen stark verinnerlichten Glauben. Ihr Ziel war es nicht in erster Linie, eine sichtbare und verfasste Kirche zu bilden. Sie legten auch auf die äußeren Zeichen bzw. Sakramente wie Abendmahl und Taufe keinen großen Wert. Sie verstanden sich als eine Art unio mystica. Zu ihren bedeutenden Vertretern gehörte Sebastian Franck.

Sowohl die katholischen als auch die lutherischen und reformierten Obrigkeiten verfolgten die genannten Gruppen mit großer Härte - ohne Ansehen ihrer unterschiedlichen Zielsetzungen und Lehren. In vielen Ländern mussten die Täufer unter Zurücklassung ihrer Habe das Land verlassen, in anderen Fürstentümern wurden sie wegen ihrer Überzeugungen gefangen gesetzt und gefoltert und im Extremfall sogar als Ketzer verbrannt oder ertränkt.

Die Reformation in England

Die Reformation in England wurde vor allem aus politischen Gründen ausgelöst. Allerdings hatten Theologen auch aus eigenen Gründen die Schriften und das Wirken von Martin Luther, Johannes Calvin und Ulrich Zwingli mit Interesse verfolgt, und es kam vielen von ihnen nicht ungelegen, dass sich nun mehr die Gelegenheit bot, bestimmte Prinzipien, die vormals von Rom verboten waren, auch in England anwenden zu dürfen. So hatte es z. B. Versuche gegeben, die Bibel in englischer Sprache zu verbreiten (siehe John Wyclif, William Tyndale). Diese endeten auch unter Heinrich VIII. mit der Hinrichtung des Übersetzers. Erst unter Edward VI. wurden größere Reformen (z. B. das erste Book of Common Prayer) eingeführt. Mit seinem Tod wurde England unter der "blutigen Maria" wieder gewaltsam zur römischen Lehre zurückgeführt, aber mit der Nachfolge von Elisabeth I. auf dem Thron wurde die Anglikanische Kirche endgültig in England etabliert. Siehe hierzu: Geschichte der Anglikanischen Kirche.

Reaktion der katholischen Kirche

Die katholische Kirche war von der durch Luther ausgelösten Welle zunächst völlig überrascht. Als Luther sich nicht überzeugen ließ, verlegte sie sich auf politischen und kirchlichen Druck. Luther musste fliehen und überlebte nur durch fürstlichen Schutz. Zwingli gelang es, den Rat von Zürich von der Richtigkeit seiner Lehre zu überzeugen. Die Ideen der Reformation breiteten sich wie ein Lauffeuer aus – die Bevölkerung strömte zum neuen Glauben, Reichsstädte und Fürsten gingen auf die Seite der Reformation über.

Der damalige Kaiser Karl V. blieb katholisch, konnte sich jedoch nicht auf die Niederschlagung der Reformation konzentrieren, da ihn die Außenpolitik stark beanspruchte (Türken vor Wien, Krieg mit Frankreich).

Das Konzil von Trient (1546-1563) versuchte innerhalb der drei Sitzungsperioden, die im 15. Jahrhundert begonnenen Reformen weiter fortzuführen. Die drei Sitzungsperioden stehen jeweils unter anderen Vorzeichen. Eine gesamte Reform der römischen Glaubenslehre hatte zu keiner Zeit zur Debatte gestanden - auch wenn man sicher sagen kann, dass nach dem Konzil die katholische Kirche eine andere geworden war als diejenige, die Luther vorgefunden hatte. Insbesondere die Auswüchse in Klerus und Kurie konnten beseitigt und eine Vereinheitlichung und „Modernisierung“ der römischen Kirche in Europa durchgesetzt werden. In der Folge leitete der von Ignatius von Loyola gegründete Orden der Jesuiten die Gegenreformation ein.

Ausbreitung in Europa

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts kam eine zweite Generation von Reformatoren zum Zug. In Genf Calvin, in Zürich Heinrich Bullinger, der als Nachfolger von Ulrich Zwingli der Zürcher Kirche vorstand. Deren Beitrag war es, die Reformation theologisch zu konsolidieren – Calvin mit seiner "Institutio", Bullinger mit dem "Zweiten Helvetischen Bekenntnis". Beide übten einen europaweiten Einfluss auf den Protestantismus aus. Aus ihren Lehren geht die Reformierte Kirche hervor.

Theologisch wie auch politisch gipfelte die Reformation in den Bekenntnisschriften der protestantischen Kirchen:

Bedeutung und Folgen der Reformation

Die Reformation war einer der großen Wendepunkte in der Geschichte des Abendlandes. Für die Geschichte des Christentums bedeutete die Reformation den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, die über die ab dem 13. Jahrhundert verstärkt formulierte Kritik an der römisch-katholischen Kirche (Averroismus, Jan Hus, John Wyclif, Wilhelm von Ockham) und die Bildung zahlreicher "häretischer" christlicher Glaubensgruppen bis hin zur erneuten Spaltung der Christenheit führten. Die neu entstandenen Konfessionen konnten sich nach langem Ringen schließlich als staatlich gleichberechtigte Kirchen neben der römisch-katholischen etablieren. Da die neuen Konfessionen zu stark waren, um dauerhaft unterdrückt werden zu können, waren, obwohl es zahlreiche Rückschläge und sogar Religionskriege gab, beide Seiten auf Dauer zur religiösen Toleranz gezwungen. Die römisch-katholische Kirche verlor nicht nur in weiten Teilen Europas an Einfluss, sondern insbesondere auch ihr bis dahin beinahe unantastbares Deutungsmonopol für die Auslegung der Bibel. Die Reformation führte durch den Druck, der durch den schnellen Abfall ganzer Regionen vom Katholizismus verursacht wurde, auch auf römisch-katholischer Seite zu Reformen. Daher spricht man hierfür auch von katholischer Reform. Außerdem wurde versucht eine Rekatholisierung der vom römisch-katholischen Glauben abgefallenen Gebiete zu erreichen, was wiederum eine Seite der Gegenreformation darstellt.

Zwar wurde die christliche Religion durch die Reformation nicht grundlegend in Frage gestellt, dennoch wurden fundamentale Glaubenssätze und religiöse Praktiken, die jahrhundertelang als unumstößlich galten, von den Reformatoren und ihren Anhängern verworfen (Heiligenverehrung, "Gute Werke"). Die Autorität der Kirchen über die Gläubigen wurde zwar zunächst nur teilweise aufgebrochen, dennoch bereitete die Reformation den Weg zum Zeitalter der Aufklärung, in dem das Individuum in seiner persönlichen Freiheit deutlich aufgewertet wurde und in der schließlich selbst atheistische Weltbilder Anerkennung erfuhren, oftmals (wie in Frankreich von Voltaire) sogar zur Doktrin erhoben wurden.

Doch die Reformation revolutionierte nicht nur das geistige Leben, sie setzte auch eine gesellschaftspolitische Entwicklung in Gang. Der Staat löste sich von der Bevormundung durch die Kirche, um nun seinerseits im Landesherrentum und Absolutismus die Kirche von sich abhängig zu machen. Doch auch dies stellte nur eine Übergangsphase in einer Entwicklung dar, die in vielen Ländern in die Trennung von Kirche und Staat mündete.

Somit wirkte die Reformation weit über die eigentliche Reformationszeit hinaus und bildete einen Wendepunkt hin zur Entwicklung der modernen Gesellschaft der Neuzeit.

Quellen, Weblinks und Literatur

Quellen

  1. B.C.Schneider: Ius Reformandi - Die Entwicklung des Staatskirchenrechts von seinen Anfängen bis zum Ende des Alten Reiches. Tübingen 2001; S. 46.

Weblinks

Literatur

  • Koch, Ernst: Das konfessionelle Zeitalter - Katholizismus, Luthertum, Calvinismus (1563-1675) (Kirchengeschichte in Einzeldarstellungen, II/8), Leipzig 2000, ISBN 3-374-01719-3
  • Küng, Hans: Das Christentum, 1994, ISBN 3-492-03747-X (Kapitel IV: Das protestantisch-evangelische Paradigma, neuartige Sicht auf die Kirchengeschichte, eher katholisch)
  • Lindberg, Carter: The European Reformations, 1996, ISBN 1-55786-575-2 (Sehr umfassende Geschichte der Reformation vom Spätmittelalter bis zur Gegenreformation, die sämtliche europäischen Länder mit reformierter Geschichte einschließt - aus amerikanischer Sicht)
  • Moeller, B.: Deutschland im Zeitalter der Reformation (Deutsche Geschichte 4), 1999, ISBN 3-525-33462-1 (die profanhistorische Reihe zeichnet sich durch einen sozialgeschichtlichen Zugang aus)
  • Roll, Christine (Hrsg.): Recht und Reich im Zeitalter der Reformation. Festschrift für Horst Rabe, Frankfurt/Main u.a. 1996, 531 S., ISBN 3-631-47923-9
  • Schnabel-Schüle, Helga: Die Reformation 1495-1555, Ditzingen 2006, 313 S., ISBN 3-15-017048-6
  • Sierszyn, Armin: 2000 Jahre Kirchengeschichte, Reformation und Gegenreformation (Bd. 3), 2000, ISBN 3-7751-3247-3. (umfassende Darstellung, viele Quellenangaben, aus landeskirchlich-evangelikaler Sicht)
  • Stickelberger, Rudolf: Kirchengeschichte für Jedermann, 1969 (Kirchengeschichte mit Schwerpunkt Reformation, etwas Schweiz-lastig, aus reformierter Sicht)
  • Völker-Rasor, Anette (Hrsg.): Oldenbourg Geschichte Lehrbuch. Frühe Neuzeit, München 2000, ISBN 3-486-56426-9 (Lehrbuch des Oldenbourg Verlags)
  • Zweig, Stefan : Ein Gewissen gegen die Gewalt: Castellio gegen Calvin, 1936 (Roman)



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