Patriarchales Gottesbild

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Unter Gottesbild (Gottesbegriff, Gottesvorstellung) ist grundsätzlich ein Konglomerat von Vorstellungen, Gefühlen, Assoziationen zu verstehen, die bestimmte Menschengruppen mit dem Begriff Gott verbinden. Gottesbilder entstammen dem menschlichen Bewusstsein und (Herrschafts-)Interesse. Sie sind eng mit der jeweiligen Sicht auf die Welt verknüpft. Das persönliche Gottesbild ist zusätzlich von der Perspektive des Individuums bestimmt. Diese kann sowohl fundamentalistisch und konservativ als auch progressiv oder liberal bis säkularisiert sein. Immer aber muss sie auf dem Hintergrund eines Kulturkreises gesehen und gedeutet werden. Die einflußreichsten Gottesbilder noch der Gegenwart sind unter den Bedingungen der patriarchalen Gesellschaft notwendigerweise vom Patriarchat geprägt.

In einer weiter führenden Präzisierung des anthropozentrischen Atheismus ist nach Horst Herrmann davon auszugehen, dass Gott sich nicht nur menschlicher Einbildungskraft verdankt, sondern ein Resultat der Definitionsmacht und Durchsetzungskraft bestimmter Werteväter ist (patrozentrischer Atheismus).

Gott ist nach den entsprechenden Zuschreibungen ein allmächtiger Vater, und die Menschen sind ohne Ansehen der Person seine Kinder. Gott liebt alle Menschen gleichermaßen, beobachtet jedoch ihr Denken, Fühlen und Handeln - und zieht seine Konsequenzen spätestens nach dem Tod.


Altes Testament

Zwar heißt Gott im Alten Testament relativ selten „Vater“. Doch wird er immer - der Sache nach - als ein solcher verstanden. Als allmächtiger Träger von Herrschaft, d. h. in einer so typischen Vatereigenschaft wie der alttestamentlichen als absoluter Patriarch. Da Gott Vater ist und Herr, der nach der biblischen Schöpfungsgeschichte eine chaotische Natur zum Kosmos geordnet hat, schafft er allein Leben: der „Schöpfer“. Unter seiner Herrschaft haben Frauen ihre 1ebenspendende Funktion eingebüßt. Mütter bringen zwar nach wie vor Kinder zur Welt. Doch er gibt diesen das Leben, die „Seele“.

Neues Testament

So wie der neutestamentliche Gott handelt, muß auch er ein Vater sein. Auf der einen Seite steht die unumschränkte Herrschaft Gottes, die so genannte Allmacht: „Auch Vater heißt keinen auf der Erde, einer ist euer Vater, und der ist im Himmel“ (Mt 23, 9). Andererseits wird diese Gewalt durch den Verweis auf Liebe schmackhaft gemacht, auf Liebe, die den wahren Söhnen gilt: „Seht, welche Liebe uns der Vater erwiesen hat; wir sollen Kinder Gottes heißen, und wir sind es“ (1 Jo 3, 1).

Die Adoptierten müssen diese Liebe gehorsam anerkennen: „Harret aus in der strengen Zucht: als Söhnen begegnet euch Gott! Wo wäre der Sohn, den der Vater nicht in Zucht nähme? Würdet ihr ohne Züchtigung bleiben, wie sie doch alle kosten müssen, so wäret ihr unechte Kinder, keine Söhne. Und wenn wir unsere irdischen Väter zu strengen Erziehern hatten und ihnen Ehrfurcht erwiesen, sollen wir uns da nicht gehorsam unterordnen dem Vater unsrer Seelen, um das Leben zu haben?“ (Heb 12, 7-9). Liebe des Vaters ist Strenge, lautet die zeitlose Gleichung. Und Gehorsam gegen die Vatergewalt ist Liebe zum Vater.

Die Autoren des Neuen Testaments, das eine frohe Botschaft darstellen soll, drohen durchweg den bis zuletzt unbußfertig Gebliebenen mit einer auf Ewigkeit berechneten Vatersanktion: mit der Hölle: „Ich will euch sagen, wen ihr fürchten sollt. Fürchtet den, der die Gewalt hat. Der nicht nur töten kann, sondern auch in die Hölle wegwerfen. Ja, ich sage euch, den müßt ihr fürchten“ (Lk 12, 5). Das hat ein Sohn gesagt, der den Erwählten den Vater zeigen (Jo 14, 8) wollte. Er erscheint nicht im geringsten als der einzig mögliche Rebell gegen den Vater. Denn er ist gekommen, nicht den eigenen Willen zu tun, sondern den des Vaters (Jo 6, 38). Wer das Neue Testament als Fortschritt ansieht, wer von ihm die Erlösung aus den Gewalten der Welt erhofft, sieht sich getäuscht.

Die Beziehungen zwischen Vater-Gott und Menschen-Sohn sind zu Organisationsmustern (patterns) versteinert. Liebesleistungen wie Gebet, Reue und Gehorsam lösen die Leistung der Vaterliebe Gottes aus. Ein Gott, der seine Menschen liebt, vorausgesetzt, sie glauben an ihn. Ein Gott, der mit der Hölle droht, wenn seiner Liebe nicht geglaubt wird.

Ein Vatergott, der die verlorenen Söhne liebt, wenn sie zu ihm zurückgekrochen kommen (Lk 15, 11-32), kennt die große Geste gegen die Reuelosen ebensowenig wie dies kleinbürgerliche Väter gegenüber ihren Kindern schaffen. Gottes Tugenden sind patriarchal. Als solche haben sie sich bewährt. Sie haben sich auch ohne große Liebesgesten als verwendungsfähig erwiesen. Noch immer bestimmen sie das Leben von Millionen.

Das "Vaterunser"

Untersuchungen zum Verhältnis von Vatergewalt und Vaterliebe in dem Hauptgebet "Vaterunser" (Mt 6, 9-13) liegen noch nicht vor. Dabei putzt sich dieser Text häufig mit den überlieferten Herrschaftsfloskeln auf, während Worte der Liebe relativ selten gebraucht werden. Zumindest fällt auf, dass davon die Rede ist, unser Vater sei im Himmel, also oben, sein Name werde geheiligt, aufs höchste erhoben, sein Reich, eine Landnahme, komme, sein Wille geschehe. Selbst die Bitten um das tägliche Brot, um die Vergebung von Schuld, um die Bewahrung vor Versuchung und um die Erlösung vom Bösen weisen nicht unbedingt auf Liebesbezeugungen hin. In erster Linie beweisen sie die Ausübung von Herrschaftsgewalt, die konsequenterweise „aus Liebe“ geschehen kann - oder auch nicht. In jedem Fall geschieht sie zum Besten des Unterworfenen. Wer festlegt, was das Beste in jedem Fall ist oder sein wird, steht unumstößlich fest: Vater, dein Wille geschehe.

Doch der Vatergott, den Patriarchen sich zugerichtet haben, stellt selbst in der ihm zugeschriebenen Perfektion eine unvollkommene Kreatur dar. Ihrer Moral fehlt jeder Abstand zu der ihrer Väter. Dieser Vater belohnt, wie am eigenen Sohn vorgeführt, stets genau die Leistung, die ihn geschaffen hat. Wer aber durch Nicht-Leistung auffällt, wer diesen Gott wieder abschaffen will, gehört bestraft.

Das Glaubensbekenntnis

Wie sich im Vaterunser patriarchale Strukturen bestätigen, suchen auch die Dogmen einer frühen Zeit, die umkämpftesten und anerkanntesten zugleich, gehorsam eine patriarchale Struktur zu sichern. Schließlich setzt die Mehrheitskirche einen Gott durch, der allein, was außer ihm existiert, aus nichts geschaffen hat und allmächtig im Dasein erhält. Dieses Glaubensbekenntnis ist alienistisch, da es sich auf eine fremde, außerweltliche Macht stützt, es ist possessionistisch, da es sich ein für allemal im Besitz der letzten und höchsten Wahrheit sowie im Wissen über diese glaubt, und es ist sekurantistisch. weil es erst zu seinem Ziel gekommen ist, wenn es sich absolut sicher in seinem Gott wähnt.

Zitate

„‘Der Gott, der Gott sterben läßt, um Gott zu besänftigen‘ ... Hundert Folianten, die für oder wider das Christentum geschrieben worden sind, ergeben eine geringere Evidenz als der Spott dieser Zeilen“ (Denis Diderot).

„Ein Belohner und Rächer als Gott ist was für Kanaillen“ (Voltaire).

„Der christliche Gottesbegriff ist einer der korruptesten Gottesbegriffe, die auf Erden erreicht worden sind“ (Friedrich Nietzsche).

"Wenn Dreiecke einen Gott hätten, würden sie ihn mit drei Ecken ausstatten" (Montesquieu).

„Die Bibel ist nicht die Urkunde der Offenbarung Gottes selbst, sondern die Urkunde des Glaubens von Menschen an Gottes Offenbarung. Gott sei Dank hat Gott nicht alles gedacht, gesagt und getan, was in der Bibel über ihn geschrieben steht!" (Heinz Zahrnt).

Literatur

  • Horst Herrmann: Vaterliebe. Ich will ja nur dein Bestes, Rowohlt, Reinbek 1990.
  • Keith Ward: Gott. Das Kursbuch für Zweifler, Primus, Darmstadt 2007. ISBN 978-3896786258
  • Peter Schäfer: Weibliche Gottesbilder im Judentum und Christentum, Insel, Frankfurt a. M. 2008, ISBN 978-3458710134