Ockhams Rasiermesser

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Ockhams Rasiermesser bezeichnet das Sparsamkeitsprinzip in der Wissenschaft. Es besagt, dass von mehreren Theorien, die den gleichen Sachverhalt erklären, die einfachste zu bevorzugen ist. Die englische Bezeichnung lautet Occam's Razor (oder auch parsimony), die lateinische novacula Occami, die traditionelle deutsche Ockhams Skalpell.

Diese Regel wurde zwar nach Wilhelm von Ockham (1285–1349) benannt, die Idee selbst ist jedoch sehr viel älter und reicht zurück bis Aristoteles. Ockham selbst hat nie ausdrücklich ein solches Prinzip aufgestellt und benannt, sondern es eher implizit in seinen Schriften gebraucht. Die Bezeichnung Ockhams Rasiermesser für das Sparsamkeitsprinzip taucht erst im 19. Jahrhundert in den Werken des Mathematikers William Rowan Hamilton auf, wird dann aber zum festen und geläufigen Begriff.

Einfach ist am besten

Die bekannteste Formulierung besagt, dass Entitäten nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden dürfen“ (lat. Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem oder sine necessitate). Dieser Satz stammt nicht von Ockham selbst, sondern wurde 1654 von dem Philosophen Johannes Clauberg (1622–1665) geprägt. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das:

  1. Von mehreren Theorien, die die gleichen Sachverhalte erklären, ist die einfachste allen anderen vorzuziehen.
  2. Eine Theorie ist im Aufbau der inneren Zusammenhänge möglichst einfach zu gestalten.

Das Ockhamsche Sparsamkeitsprinzip fordert, dass man in Hypothesen nicht mehr Annahmen einführt, als tatsächlich benötigt werden, um einen bestimmten Sachverhalt zu beschreiben und empirisch nachprüfbare Voraussagen zu treffen. Ein Hintergedanke ist dabei auch, dass Hypothesen mit wenigen Annahmen einfacher zu falsifizieren sind als komplexere Hypothesen

Der Zusatz Rasiermesser ist als Metapher zu verstehen: Die einfachste Erklärung ist vorzuziehen, alle anderen Theorien werden quasi wie mit einem Rasiermesser wegrasiert. Ockhams Rasiermesser ist heute ein Grundprinzip der wissenschaftlichen Methodik.

Auslegung

Nicht ganz klar ist bei Ockhams Rasiermesser, was einfach bzw. kompliziert bedeutet. Es geht weniger um die einfache Nachvollziehbarkeit des Erklärungsmodells als um die Art und Qualität der erforderlichen unüberprüfbaren Annahmen. (Axiom)

Beispiel: Nach einem Sturm sieht man einen umgefallenen Baum. Aus den Beobachtungen „Sturm“ und „umgefallener Baum“ lässt sich die einfache Hypothese ableiten, dass „der Baum vom starken Wind umgeweht“ wurde. Diese Hypothese erfordert nur eine Annahme, nämlich dass der Wind den Baum gefällt hat, nicht ein Meteor oder ein Elefant. Die alternative Hypothese „der Baum wurde von wilden, 200 Meter großen Außerirdischen umgeknickt“ ist laut Ockhams Rasiermesser weniger hilfreich, da sie im Vergleich zur ersten Hypothese mehrere zusätzliche Annahmen erfordert. Zum Beispiel die Existenz von Außerirdischen, ihre Fähigkeit und ihren Willen, interstellare Entfernungen zu bereisen, die Überlebensfähigkeit von 200 m hohen Wesen bei irdischer Schwerkraft, usw.

Ähnliches gilt für die Evolutionstheorie. Tatsächlich erscheint die Erklärung „Gott war's“ auf den ersten Blick viel einfacher. Jedoch wird damit die Komplexität nur verlagert, von komplexen, aber wohldefinierten, nachvollziehbaren und falsifizierbaren Modellen auf einen uneinheitlichen, undefinierten und umstrittenen Gottesbegriff, der zudem nur durch Wunder erklärbar ist, die sich jeder Beschreibbarkeit verschließen. Auch biete die scheinbar triviale Variante „Gott war's“ keinen Erkenntnisgewinn, zeigt keine kausalen Wirkungsketten auf und erlaube keine falsifizierbaren Aussagen. Dabei ist zu beachten, dass dieses Sparsamkeitsprinzip keine Aussage über die Gültigkeit von Erklärungsmodellen macht, sondern nur eine Heuristik bietet, wie wirksame Erklärungen gefunden werden können.

Ein weiteres Beispiel betrifft die ersten organischen Moleküle, die zur Entstehung des Lebens auf der Erde nötig waren. Vergleicht man die These, dass diese Moleküle auf der Erde entstanden sind, mit der These, dass diese Moleküle außerirdischen Ursprungs sind, so stellt man fest, dass die zweite These mehr Annahmen benötigt als die erste. Beide Thesen benötigen die Annahme, dass es am Entstehungsort Bedingungen gab, wodurch die Elemente die entsprechenden Bindungen eingegangen sind. Darüber hinaus benötigt die zweite These weitere Annahmen wie z.B.: (1.) In der Nähe der Erde bzw. unseres Sonnensystems gibt es einen Ort, an dem alle benötigten Elemente zusammen vorkommen, (2.) irgendetwas hat dazu geführt, dass die dort entstandenen Moleküle auf die Erde gelangt sind (3.) ohne beim Eintritt in die Erdatmosphäre zu verglühen. Ockhams Rasiermesser besagt nicht, welche der Thesen zutrifft, sondern welche im direkten Vergleich plausibler erscheint.

Prinzip der Vielfalt

Walter Chatton war ein Zeitgenosse von Wilhelm von Ockham, der eine Gegenposition zu Ockhams Sparsamkeitsprinzip einnahm. Als Antwort formulierte er sein Gegenprinzip: „Wenn drei Dinge nicht genug sind, um eine klare Aussage über etwas zu treffen, muss ein viertes hinzugefügt werden, und so weiter“. Obwohl verschiedene andere Philosophen seit Ockhams Zeiten ähnliche Gegenprinzipien zum Rasiermesser vorgeschlagen haben, gewannen sie nie eine solche Bedeutung. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) formulierte ein Prinzip der Vielfalt (so benannt von Arthur O. Lovejoy). Die Idee dahinter ist, dass Gott die Welt mit der größtmöglichen Vielfalt von Lebewesen geschaffen habe. Immanuel Kant (1724–1804) formulierte in seinem Gegenprinzip, dass die Vielfalt der Dinge nicht voreilig vermindert werden solle. Karl Menger (1902–1985) findet Mathematiker zu geizig im Umgang mit Variablen und formulierte sein Gesetz gegen die Armseligkeit, das eine der beiden Formen annimmt: „Entitäten dürfen nicht bis zur Unangemessenheit reduziert werden“ und „es ist sinnlos mit weniger zu tun, was mehr erfordert“.

Zitate

„Mache die Dinge so einfach wie möglich – aber nicht einfacher.“ (englisch: “Everything should be made as simple as possible, but not simpler.”, Albert Einstein zugeschrieben)
„Die Technik entwickelt sich vom Primitiven über das Komplizierte zum Einfachen.“ (Antoine de Saint-Exupéry)
„Fortschritt ist der Weg vom Primitiven über das Komplizierte zum Einfachen.“ (Wernher von Braun)
„Die Genialität einer Konstruktion liegt in ihrer Einfachheit. Kompliziert bauen kann jeder.“ (Sergei P. Koroljow)

Literatur

  • Armand A. Maurer: Ockham's razor and Chatton's anti-razor. 1984
  • Armand A. Maurer: Ockham's razor and dialectical reasoning. In: Medieval studies. 58/1996. S. 49–56
  • Phil Mole: Ockham's Razor cuts both ways: The Uses and Abuses of Simplicity in Scientific Theories. In: Skeptic. 1/10. S. 40–47

Film und Literatur

  • Im Film Contact (1997) wird Ockhams Rasiermesser in zentralen Punkten des Films erwähnt, verhindert aber in den letzten Szenen des Films auch die Wahrheitsfindung; dieser Mangel ist in der Romanvorlage so nicht vorhanden und entsteht dadurch, dass der Film kurz vor dem eigentlichen Ende des Romans aufhört.
  • Die Figur des William von Baskerville in Umberto Eco's Roman „Der Name der Rose“ lehnt sich an die Figur des Wilhelm von Ockham an. William handelt in der Erzählung aufgeklärt-rational und steht damit dogmatisch-ideologischen Handlungsträgern gegenüber.


Weblinks


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