Naturalismus

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Der Begriff Naturalismus bezeichnet in der Philosophie eine uneinheitliche Gruppe miteinander verwandter Theorien. Eine grundlegende These aller naturalistischen Ansätze lautet, dass die gesamte Welt einschließlich des Menschen Teil der natürlichen Ordnung ist und es folglich keine übernatürlichen Phänomene gibt. Diese Annahme, die oft auch durch den Spruch Alles ist Natur ausgedrückt wird, führt allerdings zu keiner hinreichenden Begriffsbestimmung, wenn der Begriff der Natur nicht klar umgrenzt ist. Versteht man unter „Natur“ allein die physische Natur, so ergibt sich aus dem Spruch Alles ist Natur eine materialistische oder physikalistische Position. Derartige Theorien behaupten insbesondere, dass auch der Geist oder das Bewusstsein Teil der physischen Natur ist. Gelegentlich wird der Begriff des Naturalismus auch verwendet, um sich von übernatürlichen Phänomen im religiösen Sinne abzugrenzen. Ein so verstandener Naturalismus lehnt etwa die Existenz von Wundern, übernatürlichen Wesen oder spirituellen Erkenntnissen ab.

Bei modernen naturalistischen Theorien steht jedoch oft der Begriff der Naturwissenschaft und nicht der Begriff der Natur im Vordergrund. Dabei wird argumentiert, dass die Naturwissenschaften in der Beschreibung der Strukturen der Welt philosophischen, geisteswissenschaftlichen und alltäglichen Methoden überlegen sind. Manley Thompson kennzeichnet den Naturalismus daher als „die Position, nach der die Naturwissenschaften den einzigen Weg zur Wahrheit bieten.“ [1] und der Naturalist Wilfrid Sellars erklärt: „Wenn es um die Beschreibung und Erklärung der Welt geht, sind die Naturwissenschaften das Maß aller Dinge.“ [2]

Merkmale naturalistischer Theorien

Naturalistische Theorien teilen den Anspruch, ein Weltbild zu entwerfen, das an den Erklärungserfolgen der Naturwissenschaften orientiert ist. In diesem Sinne lassen sich einige typische Merkmale des Naturalismus identifizieren: Religionskritik, Realismus, Physikalismus, Reduktionismus und eine Orientierung an den Methoden der Naturwissenschaften. Dennoch unterscheiden sich naturalistische Theorien zum Teil erheblich und keins der genannten Merkmale scheint auf alle Varianten des Naturalismus zuzutreffen.

Kritik religiöser Ideen

Ludwig Feuerbach

entwickelte eine naturalistische Religionsphilosophie (Stich von August Weger)

Zunächst werden natürliche Phänomene im Naturalismus oft in Abgrenzung zu religiösen oder mystischen Phänomenen verstanden. Die religionskritische Komponente des Naturalismus hat insbesondere in den USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunders eine große Rolle gespielt. [3] Die Kernthese dieses frühen Naturalismus lautet, dass es keine Phänomene gibt, die sich grunsätzlich einer naturwissenschaftlichen Beschreibung widersetzen. So erklärte etwa Thelma Lavine: „Der Nerv des naturalistischen Prinzip ist, dass die naturwissenschaftliche Analyse nicht auf ein bestimmtes Gebiet eingeschränkt werden darf sondern auf jeden Phänomenbereich ausgedehnt werden kann.“ [4] In Bezug auf Religionen hat dies zwei Konsequenzen. Zum einen soll es keine religiösen Phänomene geben, die sich grundsätzlich einer wissenschaftlichen Beschreibung entziehen. Dies impliziert die Ablehnung eines immateriellen Gottes, aber auch aller übernatürlichen Phänomene, etwa Wunder oder übersinnliche Erfahrungen.

Zudem enthält ein so verstandener Naturalismus auch die positive These der wissenschaftlichen Erforschbarkeit religiöser Phänomene. Eine in diesem Sinne naturalisierte Religionsphilosophie findet sich bei Ludwig Feuerbach, der religiöse Phänomene als psychologisch erklärbare Projektion (Psychologie)|Projektionen versteht. Für Naturalisten können also auch Religionen als psychologische, soziale oder biologische Phänomene, Objekte wissenschaftlicher Forschung sein. Eine solche wissenschaftliche Forschung geschieht etwa in der Religionspsychologie. Eine neuere Disziplin ist die so genannte Neurotheologie, in der Vebindungen zwischen Gehirnprozessen und religiösen Erfahrungen hergestellt werden sollen.

Noch heute kann man beobachten, dass der Naturalismus bei einigen Theoretikern mit einer offensiv atheistischen Einstellung verbunden ist. Beispiele hierfür sind etwa Daniel Dennett, Richard Dawkins und die Brights-Bewegung. Andererseits spielt die Frage nach religiösen Phänomenen in der gegenwärtigen Naturalismusdebatte nur eine untergeordnete Rolle. Insbesondere kann man den Naturalismus nicht durch seine religionskritischen Aspekte definieren, da die meisten naturalismuskritischen Positionen der Gegenwart nicht mit religiösen Ideen verbunden sind. So ist es für die gegenwärtige Naturalismuskritik oft zentral, für die Autonomie der Kultur- und Geisteswissenschaften zu argumentieren oder auf die Probleme naturwissenschaftlicher Theorien des Geistes hinzuweisen. Ein weiteres Thema gegenwärtiger Antinaturalisten ist die Subjektivität und Perspektivengebundenheit moderner Naturwissenschaften. All diese Themen sind unabhängig von religiösen Fragen, weswegen der Religionskritik nicht als das definierende Merkmal des gegenwärtigen Naturalismus angesehen werden kann.

Realismus

Eine zentrale Annahme der meisten naturalistischen Theorien ist der Realismus: Es gibt eine vom Menschen unabhängige Realität, die in den Wissenschaften entdeckt und erforscht wird. Die Natur ist für den Naturalisten keine Erfindung des Geistes, wie vom klassischen Idealismus angenommen. Vielmehr ist der Geist selbst Teil einer vom Menschen vorgefundenen Natur. Da etwa die Physik, Biologie oder Chemie reale Objekte und keine subjektiven, geistigen Konstruktionen beschreiben sollen, ist der Realismus oft eine grundlegende Hintergrundannahme naturalistischer Theorien. Gerhard Vollmer macht diese Annahme explizit, da er die Forderung So viel Naturalismus wie möglich zur Charakerisierung des Naturalismus verwendet.[5] Dabei weist er jedoch darauf hin, dass der Naturalismus nicht auf einen naiver naiven Realismus festgelegt ist, der sagt, dass die Welt genauso ist, wie sie wahrgenommen wird. Ein naturalistischer Realismus scheint vielmehr zu vielen Revisionen der alltäglichen Vorstellungen von Realität zu führen. Dies ergibt sich zum einen aus der kognitionswissenschaftlichen Erkenntnis, dass in der Wahrnehmung oder im Gedächtnis die Welt nicht passiv im Geiste abgebildet, sondern aktiv gestaltet wird. Ein Beispiel hierfür ist die Wahrnehmung eines sich bewegenden Punktes, obwohl eigentlich nur zwei Lichter abwechselnd aufleuchten. [6] Der Naturalist Wilfrid Sellars ging in seinem revisionistischen Realismus sogar so weit, zu behaupten, dass die Realität nur durch die Physik beschrieben wird und es in Wirklichkeit gar nicht alltägliche Objekte wie Tische, Häuser oder Stifte gibt. [7]

Der naturalistische Realismus ist nicht nur gegen den Idealismus gerichtet, sondern dient auch der Abgrenzung von relativistischen und anderen subjektivistischen Theorien. Die zentrale These des Relativismus lautet, dass die Wahrheit eines Satzes immer vom historischen oder sozialen Kontext abhängig ist und es daher keine universell wahren Sätze gibt. Der allgemeine Relativismus dehnt diese Behauptungen auch auf die Naturwissenschaften aus. In diesem Sinne kann etwa ein radikaler Relativist behaupten, dass der Satz Die Welt hat eine kugelähnliche Form heute wahr ist, aber im Mittelalter falsch war. Demgegenüber wird ein typischer Naturalist erklären, dass die Naturwissenschafen objektive Fakten beschreiben, die vollkommen unabhängig von sozialen oder kulturellen Kontexten sind. Der Satz Die Welt hat eine kugelähnliche Form drückt dann eine universell Wahrheit aus und hatte im Mittelalter die gleiche Geltung, wie heute.

Auch wenn der Realismus ein zentrales Element vieler naturalistischer Theorien ist, kann er nicht als definierendes Merkmal des Naturalismus angesehen werden. Zum einen ist nicht klar, ob der Realismus notwendig für den Naturalismus ist. So war etwa Willard Van Orman Quine einer der bekanntesten Naturalisten des 20.Jahrhunderts und es ist gleichzeitig zweifelhaft, ob man die Quinesche Philosophie „realistisch“ nennen kann. Quine versteht unter Naturalismus in Wesentlichen eine Auszeichung naturwissenschaftlicher Forschungen bei gleichzeitiger Ablehnung von eigenständigen, philosophischen Methoden. [8] Ein derartiger, methodologischer Naturalismus scheint keine besondere, realistische These vorauszusetzen. Zudem ist der Realismus sicherlich nicht hinreichend für den Naturalismus, da es viele realistische, nichtnaturalistische Theorien gibt. So basiert etwa die traditionelle christtlich-dualistische Theologie auf einer realistischen Metaphysik.

Physikalismus und Reduktionismus

Schema von Oppenheim und Putnam, 1958[9]. Die obere Schicht soll jeweils aus der unteren zusammensetzen und sich auf diese reduzieren lassen.

Eine zentrale Behauptung naturalistischer Theorien lautet, dass die ganze Welt einschließlich des Menschen Teil der natürlichen Ordnung ist. Eine solche These wirft sogleich die Frage auf, was mit „natürliche Ordnung“ gemeint ist. Eine mögliche Antwort hierauf bietet der Physikalismus. Nach dieser These ist alles, was es gibt, physischer Natur. Auch Menschen und alle anderen Lebewesen erweisen sich als eine Zusammensetzung von kleinsten physischen Teilchen. Teil der natürlichen Ordnung zu sein, heißt also Teil der physischen Ordnung zu sein. Der Physikalismus ist insbesondere gegen die Idee eines immateriellen Geistes gerichtet: Wenn sich alles aus der Zusammensetzung kleinster, physischer Teilchen ergibt, muss dies auch für den Geist gelten.

Eine andere Interpretation der Behauptung Alles ist Teil der natürlichen Ordnung. lautet wie folgt: Wenn etwas Teil der natürlichen Ordnung ist, dann lässt es sich zumindest prinzipiell auch durch die Naturwissenschaften erklären. Dies ist die These des Reduktionismus. Konsequente Reduktionisten gehen davon aus, dass sich prinzipiell auch soziale oder historische Phänomene mit Hilfe der Naturwissenschaften erklären lassen. [10] Zudem setzt der Reduktionismus eine naturwissenschaftliche Erklärbarkeit des Bewusstseins voraus.

Viele Naturalisten bekennen sich zum Physikalismus und zum Reduktionismus. Wird in der Philosophie des Geistes von einer „Naturalisierung des Geistes“ gesprochen, so ist meist eine Reduktion gemeint. Dennoch ist der Begriff des Naturalismus nicht gleichbedeutend mit „Physikalismus“ oder „Reduktionismus“. Manche Naturalisten stellen die Orientierung an den Methoden der Naturwissenschaften ins Zentrum ihrer Philosophie. So erklärt etwa Quine: „Ich vertrete den Physikalismus als eine wissenschaftliche Position, aber wissenschaftliche Gründe könnten mich dereinst davon abbringen, ohne mich vom Naturalismus abzubringen“ [11]

Methoden der Naturwissenschaften

In den meisten naturalistischen Konzeptionen der Gegenwart spielen die Methoden der Naturwissenschaften eine zentrale Rolle. So erklärt Sellars in einer berühmten Passage seines Werks Science, Perception and Reality: „Wenn es um die Beschreibung und Erklärung der Welt geht, sind die Naturwissenschaften das Maß aller Dinge.“ [2] Eine solche Auszeichnung der Naturwissenschaften kann zum einen gegen die starke Betonung geistes- oder sozialwissenschaftlicher Ansätze gerichtet sein. Tatsächlich werden von Naturalisten viele Varianten der modernen Wissenschaftsgeschichte oder Wissenschaftssoziologie kritisiert. Es wird zwar anerkannt, dass sich der Wissenschaftsbetrieb auch als ein soziales und historischer Phänomen untersuchen lässt, dennoch betonen Naturalisten, dass die Erkenntnisse der Naturwissenschaft grundlegender seien und sich nicht auf historische oder soziale Kontexte relativieren lassen. Auch findet sich bei vielen Naturalisten eine Ablehnung etwa der poststrukturalistischen Literaturtheorie und Kulturwissenschaft, sowie der Psychoanalyse. [12] Dennoch steht eine Gegenüberstellung von Naturwissenschaften und den „weichen Wissenschaften“ nicht im Zentrum naturalistischer Theorien und meist wird argumentiert, dass der Naturalismus durchaus mit Respekt vor den Geisteswissenschaften kombinierbar ist. [13]

Die zentrale Annhme des methodologischen Naturalismus ist vielmehr die Ablehnung einer eigenständigen, philosophischen Methode, die der Empirie|empirischen Forschung vorausgeht und diese begründet. So schreibt etwa Quine von „der Erkenntnis, dass die Realität im Rahmen der Wissenschaft selbst identifiziert werden muss, nicht in einer vorgängigen Philosophie“ und von dem „Verzicht auf das Ziel einer der Naturwissenschaft vorgängigen Ersten Philosophie.“[14] Eine Ablehnung eigenständiger, philosophischer Methoden bedeutet insbesondere einen Verzicht auf das A priori. Apriorische Erkenntnisse werden empirischen Erkenntnissen gegenübergestellt, da sie unabhängig von Erfahrungen der Welt möglich sein sollen. Apriorische Argumente finden sich zum einen in den großen metaphysischen Systemen der Philosophiegeschichte. Ein klassisches Beispiel ist hierfür Immanuel Kant, der in der Kritik der reinen Vernunft argumentierte, dass Raum und Zeit keine Bestandteile der vom Menschen unabhängigen Realität seien. Dies könne man jedoch nur durch eine apriorische („transzendentale“) Argumentation zeigen, da alle empirischen Wissenschaften bereits Raum und Zeit voraussetzten. Methodologische Naturalisten möchten eine derartige apriorische Metaphysik durch empirische Forschung ersetzen. Zum anderen richtet sich der methodologische Naturalismus jedoch auch gegen die klassische analytische Philosophie, die davon ausging, dass es mit der Begriffsanalyse eine apriorische, philosophische Methode gibt. Die Begriffsanalyse sollte apriorisch sein, da bei ihr nur auf die Bedeutung der Wörter und nicht auf die Welt Bezug genommen wird. Das klassische Beispiel für einen analytischen Satz ist „Alle Junggesellen sind unverheiratet“. Wenn man die Bedeutung der Wörter kennt, weiß man, dass dieser Satz wahr ist. Man muss keine empirische Untersuchung durchführen, um den Satz zu überprüfen. In der analytischen Philosophie sollten in diesem Sinne zentrale philosophische Begriffe wie „Wissen“ oder „Rechtfertigung“ auf apriorische Weise analysiert werden.

Naturalisten in der Tradition von Quine lehnen die Begriffsanalyse als eine apriorische Disziplin ab. Quine hatte 1951 in dem Aufsatz Zwei Dogmen des Two Dogmas of Empiricism argumentiert, dass es keine grundsätzliche Unterscheidung zwischen apriorisch-analytischen und empirisch-synthetischen Sätzen gibt.[15] Später argumentierte Quine, dass der Wegfall von apriorischen Erkenntnissen auch zu einer Aufgabe der traditionellen, philosophischen Erkenntnistheorie führen müsse: Wenn es keine apriorische Erforschung des menschlichen Erkenntnisvermögens gibt, muss man sich auf die empirische Untersuchung beschränken. Und die empirische Forschung wird nicht durch die Philosophie, sondern durch die Kognitionspsychologie betrieben.[8] Bei Quine soll die naturalistische Erkenntnistheorie also letztlich in der empirischen Kognitionswissenschaft aufgehen. Manche Naturalisten gehen allerding nicht soweit und argumentieren lediglich, dass eine moderne Erkenntnistheorie zunehmend die Erkenntnisse der Wissenschaften miteinbeziehen muss.

Naturalismus in der Erkenntnisstheorie

Starker erkenntnistheoretischer Naturalismus

In der Gegenwartsphilosophie wird oft zwischen einem starken und einem schwachen erkenntnistheoretischen Naturalismus unterschieden.[16] Während der starke Naturalismus die philosophische Analyse menschlicher Erkenntnis letztlich vollständig in der empirischen Kognitionswissenschaft auflösen will, erklären schwache Naturalisten lediglich, dass die Erkenntnistheorie durch empirische Forschung ergänzt und verändert werden müsse. Die klassische Formulierung des Programms des starken Naturalismus findet man in Quines Aufsatz naturalized epistemology: „Aber wozu all diese erfinderinderischen Rekonstruktionen, all dieser Zauber? Letztlich sind ja die Reizungen der eigenen Sinnesrezeptoren das einzige, was man hatte, um zu seinem Bild der Welt zu kommen. Warum sollte man nicht einfach zu ermitteln suchen, wie deise Konstruktion wirklich vorgeht? Warum sich nicht mit Psychologie begnügen?“[8]

Wie hat man sich eine solche Ersetzung der Erkenntnistheorie durch die empirischen Wissenschaften aber genau vorzustellen? Das klassische Beispiel von Naturalisten ist hier die Analyse der Begriffe „Wissen“ und „Rechtfertigung“. Seit Platon [17] wurde der Begriff des Wissens in der Erkenntnistheorie als wahre, gerechtfertigte Meinung definiert. Eine derartige Begriffsanalyse scheint auf den ersten Blick recht überzeugend: Wenn jemand weiß, dass Brasilien das bevölkerungsreichste Land Lateinamerikas ist, dann muss er auch eine entsprechende Meinung haben. Doch alleine eine Meinung reicht nicht, denn bei falschen Meinungen kann man nicht von Wissen sprechen. Wissen ist also mindestens wahre Meinung, aber auch dies ist noch nicht hinreichend. Man kann etwa eine wahre Meinung in Bezug auf die nächste Lottozahl haben, was allerdings nicht bedeutet, dass man weiß, was die nächste Lottozahl ist. Von „Wissen“ wird man hier nicht reden, weil man bei einem derartigen, zukünftigen Ereigniss keine überzeugenden Gründe für seine Meinung angeben kann. In diesem Sinne ging die klassische Erkenntnistheorie davon aus, dass Wissen als wahre, gerechtfertige Meinung zu definieren ist.

1963 veröffentlichte der Philosoph Edmund Gettier einen Aufsatz, in dem er das Gettier-Problem formulierte: Es scheint Situationen zu geben, in denen eine Person eine gerechtfertigte, wahre Meinung aber dennoch kein Wissen hat.[18] Die klassische Begriffsanalyse musste also verfehlt sein und bald machten sich Philosophen daran, neue Definitionsvorschläge zu unterbreiten. 1967 führte Alvin Goldman die Debatte jedoch in eine neue Richtung, indem er argumentierte, dass man dem Begriff des Wissens gar nicht durch eine Analyse von Grund|Gründen und rationalen Argumenten näher komme. Vielmehr ergebe sich Wissen aus einer Kausalität|kausalen und damit empirisch überprüfbaren Verbindung.[19] Schaut man etwa der Ziehung der Lottozahlen zu und stellt fest, dass man gewonnen hat, so erwirbt man Wissen, weil es eine verlässliche, kausale Verbindung zwischen den gezogenen Zahlen und der erworbenen Meinung gibt. Hat man hingegen die wahre Meinung, dass man mit einer bestimmten Zahlenkombination im Lotto gewinnen wird, so handelt es sich nicht um Wissen, da es keine kausale Verbindung zwischen den (noch nicht gezogenen) Zahlen und der eigenen Meinung gibt.

Goldmans Analyse ist naturalistisch, da sie die Begriffe „Wissen“ und „Rechtfertigung“ durch eine empirisch überprüfbare Verbindung bestimmen will. Möchte man erfahren, ob eine bestimmte Meinung gerechtfertigt ist oder Wissen darstellt, muss man nicht die auf die Gründe und Argumente einer Person schauen. Vielmehr muss man überprüfen, ob die Meinung der Person in geeigneten kausalen Verbindung steht. Starke erkenntnistheoretische Naturalisten möchten derartige Behauptungen verallgemeinern: Die Analyse menschlicher Erkenntnis erfordert nicht mehr, als eine Untersuchung kausaler Verbindungen Meinungen und ihren Ursachen.

Einwand der Normativität

Gegen das Konzept der naturalistischen Erkenntnistheorie ist häufig einwandt worden, dass sich die Erkenntnistheorie und die Naturwissenschaften mit grundsätzlich verschiedenen Themen beschäftigen. So hat etwa Jaegwon Kim darauf hingewiesen, dass die Erkenntnistheorie ein normatives Unternehmen ist.[20] Normative Aussagen behandeln - im Gegensatz zu deskriptiven Aussagen - nicht die Frage, was der Fall ist. Sie beschreiben vielmehr, was der Fall sein sollte. So ist etwa die Aussage „Der Ausstoß von CO2 sollte zurückgehen“ normativ und die Aussage „Der Ausstoß von CO2 geht zurück“ deskriptiv. Kim weist nun darauf hin, dass die Erkenntnistheorie im Wesentlichen normative Fragen behandelt, so stellt sie etwa die Frage, welche Bedingungen Meinungen erfüllen sollen, damit man sie als gerechtfertigt akzeptieren kann. Sie stellt nicht die deskriptive Frage, nach welchen Kriterien Menschen de facto Aussagen als gerechtfertigt betrachten. Während die Erkenntnistheorie also normative Fragen behandelt, beschränken sich die Wissenschaften auf deskriptive Themen. In den Wissenschaften wird beschrieben, was der Fall ist und nicht, was der Fall sein sollte.

Akzeptiert man die Kennzeichnung der Erkenntnistheorie als normativ und der Naturwissenschaften als deskriptiv, so ist nicht mehr leicht zu sehen, wie die Erkenntnistheorie durch die Naturwissenschaften ersetzt werden könnte. Die Naturwissenschaften scheinen zu den Fragen der Erkenntnistheorie gar nichts zu sagen zu haben, da sie ein ganz anderes Thema behandeln. Starke Naturalisten in der Tradition von Quine reagieren auf diesen Einwand, indem sie akzeptieren, dass die Fragen der traditionellen, normativen Erkenntnistheorie im Programm des Naturalismus keinen Platz haben. [8] So erklärt Quine, dass die traditionelle Erkenntnistheorie mit ihrem Programm gescheitert sei, Kriterien für Rechtfertigungen zu liefern. Statt eines verfehlten, philosophischen Programms solle man sich lieber daran orientieren, was in den Wissenschaften tatsächlich als Rechtfertigung akzeptiert wird.

Eine derart radikale Abkehr von der klassischen Erkenntnistheorie wird selbst von den meisten Naturalisten abgelehnt. Sie argumentieren, dass man letztlich nicht auf die normative Frage „Wann soll man eine Aussage als gerechtfertigt betrachten?“ verzichten kann. Auch Wissenschaftler müssen sich die Frage stellen, wann sie Belege für berücksichtenswert erachten und wann nicht. Dem starken erkenntnistheoretischen Naturalismus wird daher oft ein schwacher Naturalismus entgegengestellt. Dieser will die normativen Erkenntnistheorie nicht durch die Wissenschaften ersetzen, sondern sie durch empirische Erkenntnisse ergänzen. In diesem Sinne schreibt etwa Susan Haack: „Die Resulate der Kognitionswissenschaften können relvant für die Lösung traditioneller, erkenntnistheoretischer Probleme sein und es ist legitim, sie dafür zu verwenden.“ [21] Gleichzeitig wird von Kritikern naturalistischer Theorien darauf verwiesen, dass sie gar nicht bezweifeln, dass empirische Daten in der Erkenntnistheorie eine Rolle spielen. Folglich ist zwichen schwachen erkenntnistheoretischen Naturalisten und Naturalismuskritikern eher umstritten, wie groß die Rolle empirischer Daten in der Erkenntnistheorie ist und an welchen Stellen sie nützlich sind.

Kritik am methodologischen Naturalismus

Der erkenntnistheoretische Naturalismus ist ein zentraler Aspekt des allgemeineren Programms des methodologischen Naturalismus. Der methodologische Naturalismus ist durch seinen Bezug auf die naturwissenschaftlichen Methoden definiert. In seiner stärksten Variante behauptet er, dass letztlich nur die Naturwissenschaften zu wahren Beschreibungen der Welt führen und es keine von den Wissenschaften unabhängige, philosophische Methode gibt. Ein derart radikaler Naturalismus muss sich den Einwand Widersprüchlichkeit gefallen lassen, da die Behauptungen des methodischen Naturalismus offenbar selbst keine naturwissenschaftlich begründbaren Aussagen sind. Dieses Problem des radikalen Naturalismus ist aus der Geschichte des Positivismus und der in ihm formulierten Sinnkriterien bekannt. So erklärte Ludwig Wittgenstein in dem 1918 vollendeten Tractatus, dass letzlich nur empirisch überprüfbare Aussagen sinnvoll sein. Dabei war ihm allerdings selbst klar, dass der Satz Nur empirisch überprüfbare Aussagen sind sinnvoll. selbst nicht empirisch überprüfbar ist und daher nach seinen eigenen Kriterien sinnlos sein muss. Wittgenstein zog daraus die Konsequenz: „Meine Sätze erläutern sich dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt. [...] Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“ In diesem Zusammenhang stehen auch Wittgensteins berühmte Worte: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ [22]

Wollen methodische Naturalisten dem Problem des frühen Wittgenstein entgehen, stehen ihnen verschiedene Wege offen. Zum einen können sie auf allgemeine Sinnaussagen verzichten und sich einfach ohne philosophische Begründung hinter die Methoden der Naturwissenschaften stellen. In diesem Falle bleibt aber unklar, warum man naturwissenschaftliche Methoden besonders bevorzugen soll. Vezichter der Naturalist auf eine Begründung seiner Auszeichnung naturwissenschaftlicher Methoden, so kann ihm ein Naturalismuskritiker eine unreflektierte Parteinahme vorwerfen. So erklärt etwa Peter Janich: In diesem „Falle ist der Naturalist wie ein Fan einer erfolgreichen Fußballmannschaft, der sich beim Siegeszug durch die Stadt anschließt“. [23] Zum anderen steht es dem methodologischen Naturalisten aber auch offen, eine philosophische Begründung für seine Auszeichnung natuwissenschaftlicher Methoden zu bieten. Dieser Zug setzt allerdings voraus, dass der Naturalist die Radikalität seiner These einschränkt. Wenn er eine philosophische Begründung für den Naturalismus liefert, kann er nicht zugleich philosophische Methoden grundsätzlich ablehnen.

Literatur

  • D. Papineau: Philosophical Naturalism. Oxford, 1993
  • Wendel, Hans-Jürgen: Die Grenzen des Naturalismus. Mohr-Siebeck: Tübingen 1997.
  • Dirk Hartmann|Hartmann, Dirk: Das Leib-Seele-Problem in der Analytischen Philosophie. III. Teil der Abhandlung desselben Autors: Philosophische Grundprobleme der Psychologie. Darmstadt: WBG 1998, S. 257-328 ISBN 3-534-13887-2
  • Geert Keil|Keil, Geert und Herbert Schnädelbach (Hrsg.): Naturalismus. Philosophische Beiträge. Frankfurt: Suhrkamp 2000 (stw 1450) ISBN 3-518-29050-9
  • Geert Keil|Keil, Geert: Anthropologischer und ethischer Naturalismus. in: Göbel, B., A. M. Hauk und G. Kruip (Hrsg.): Probleme des Naturalismus. Paderborn: mentis 2005
  • Bunge, Mario; Mahner, Martin: Über die Natur der Dinge. Hirzel-Verlag: Stuttgart 2004, ISBN 3-7776-1321-5

Quellen

  1. Manley Thompson: Naturalistic Metaphysics in: Roderick Chisholm: Philosophy, Englewood Cliffs, Prentice-Hall, 1964,
  2. 2,0 2,1 Wilfrid Sellars: Science, Perception and Reality, Routledge and Kegan Paul , London, 1963, ISBN 0-924922-50-8, S.173 Referenzfehler: Ungültiges <ref>-Tag. Der Name „Se“ wurde mehrere Male mit einem unterschiedlichen Inhalt definiert.
  3. John Ryder: American philosophic naturalism in the twentieth century, Prometheus Books, Amherst, 1994, ISBN 0-87975-894-5
  4. Thelma Lavine: Naturalism and the Sociological Analysis of Knowledge in Yervant Krikorian: Naturalism and the Human Sprit, New York, Columbia University Press, 1944,S.185
  5. Gerhard Vollmer: Was ist Naturalismus?, in: Keil/Schödelbach, a.a.O., S.46-67
  6. Nelson Goodman: Ways of Worldmaking, Hackett, Indianapolis, 1978, ISBN 0-915144-52-2
  7. Wilfrid Sellars: Science, Perception and Reality, Routledge and Kegan Paul , London, 1963, ISBN 0-924922-50-8
  8. 8,0 8,1 8,2 8,3 Willard van Orman Quine: Naturalisierte Erkenntnistheorie, in: ders.: Ontologische Relativität und andere Schriften, Stuttgart, Reclam, 1975, S.105 Referenzfehler: Ungültiges <ref>-Tag. Der Name „Qu“ wurde mehrere Male mit einem unterschiedlichen Inhalt definiert.
  9. Paul Oppenheim und Hilary Putnam: The Unity of Science as a Working Hypothesis. In: Minnesota Studies in the Philosophy of Science, 1958
  10. Ein Klassiker ist hier: Carl Gustav Hempel: The Function of General Laws in History, in: The Journal of Philosophy, 1942
  11. Willard van Orman Quine: Naturalismus - oder: Nicht über seine Verhältnisse leben in: Keil / Schnädelbach: a.a.O. S.121
  12. Ein klassisches Beispiel ist hier die Sokal-Affäre
  13. Holm Tetens: Der gemäßigte Naturalismus der Wissenschaften, in Keil/Schnädelbach, a.a.O., S. 273-288
  14. Willard van Orman Quine: Theorien und Dinge, Suhrkamp, Frankfurt am Main, S.35, S.89
  15. Willard van Orman Quine: Two Dogmas of Empiricism, Philosophical Review, 1951
  16. Siehe etwa: Mircea Flonta: Gemäßigter und radikaler erkenntnistheoretischer Naturalismus in: Keil/Schnädelbach a.a.O. S.163-186
  17. Platon: Theaitet
  18. Edmund Gettier: Is Justified True Belief Knowledge?, in: Analysis, 1963
  19. Alvin Goldman: A Causal Theory of Knowing, in: The Journal of Philosophy, 1967 S.335-372
  20. Jaegwon Kim: What Is" Naturalized Epistemology?, in: Philosophical Perspectives, 1988
  21. Susan Haack: Evidence and inquiry : towards reconstruction in epistemology, Blackwell, Oxford, 1996, ISBN 0-631-19679-X
  22. Ludwig Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus, 1922, Abschnitte 6.54 und 7.
  23. Peter Janich: Szientismus und Naturalismus, in: Keil/Schnädelbach a.a.O. S.291

Weblinks


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