Lebenskundeunterricht

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Der Humanistische Lebenskundeunterricht ist ein Weltanschauungsunterricht, der seit 1982 wieder in Berliner Schulen angeboten wird. Dieser Unterricht hat jedoch eine wesentlich längere Geschichte. Bereits in den zwanziger Jahren forderte die weltliche Schulbewegung einen kirchenfreien Unterricht und leitete so die Trennung von Schule und Kirche in Deutschland ein.

Geschichte des Lebenskundeunterrichts

Der Begriff Lebenskunde ist älter als das Schulfach. Bereits in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte die Debatte darüber begonnen, ob der dogmatisch-konfessionell geprägte Religionsunterricht noch zeitgemäß sei und als Fach an die öffentlichen Schulen gehöre. Im Zusammenhang dieser Diskussion um eine Alternative zu dem Religionsunterricht entstand der Begriff Lebenskunde im Sinne einer nicht-religiösen ethisch-moralischen Unterweisung.

Die Geschichte der Lebenskunde als Schulfach begann 1920. Mit Beginn des neuen Schuljahres wurde auf Beschluss der Selbstverwaltungsgremien einiger Berliner Vorortgemeinden in den dortigen Schulen ein neues, freiwilliges Unterrichtsfach eingeführt. Dieses Fach hatte zunächst verschiedene Namen. Begriffe wie weltlicher Moralunterricht, Sittenlehre, Religionskunde und auch Lebenskunde wurden dafür verwandt. Als einheitliche Bezeichnung setzte sich der Begriff Lebenskunde erst im Verlauf des folgenden Jahres durch. Das Fach richtete sich an Kinder, die vom Religionsunterricht befreit waren und hatte das Ziel, ethisch-moralische Grundsätze und religionsgeschichtliche Zusammenhänge frei von konfessionell-dogmatisch verengter Anschauung zu vermitteln. Vor allem die drei Parteien der Arbeiterbewegung, SPD, USPD und KPD, setzten sich für den Lebenskundeunterricht ein. Dies war die Reaktion darauf, dass es nicht gelungen war, die alte Forderung der Arbeiterbewegung nach der Weltlichkeit des Schulwesens in der Weimarer Verfassung zu verankern.

Die laizistisch orientierten und die meisten der sozialistisch orientierten Schulpolitiker, auch viele Eltern und Lehrer, betrachteten die Einführung von Lebenskunde als eigenes Fach nur als Notlösung. Ihre eigentliche Vorstellung zielte darauf, dass die von ihnen angestrebte weltliche Einheitsschule einen Lebenskundeunterricht überflüssig machen würde, da in einer solchen Schule Lebenskunde dann allgemeines Unterrichtsprinzip wäre. Nachdem es an einigen Orten gelungen war, die Zusammenfassung der vom Religionsunterricht befreiten Kinder in eigenen Schulen zu erreichen, begann eine heftige Diskussion, ob an solchen Schulen Lebenskunde als Fach notwendig sei.

Das preußische Kultusministerium ermöglichte es, die vom Religionsunterricht befreiten Kinder in eigenen Schulen, teilweise auch in Klassen, zusammenzufassen. Diese Einrichtungen hießen offiziell Sammelschulen und -klassen.

Da es sich um eine neuartige Einrichtung handelte, wurde für deren Gestaltung größtmögliche Freiheit gewährt. Deshalb gewann der Lebenskundeunterricht, wie er schließlich als Schulfach benannt wurde, große Bedeutung für Lehrer und Schüler. Da die anderen Wege, an Inhalten und Methoden der Schule etwas zu verändern, verstellt waren, wurde der Lebenskundeunterricht zum Brennpunkt für reformpädagogische Ansätze.

Es war unumstritten, dass Lebenskundeunterricht in den Sammelklassen, die an konfessionellen Schulen geführt wurden, seine Berechtigung hatte. Gleiches galt für die Simultanschulen in Ländern wie Hessen, Sachsen und Thüringen, wo Lebenskunde mehr oder minder gleichberechtigt neben den jeweiligen konfessionellen Religionsunterricht trat. Diese Entwicklung endete mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten. Schon im Februar 1933 wurde die Erteilung von Lebenskundeunterricht verboten, wenig später auch in den ehemals weltlichen Schulen wieder der Religionsunterricht eingeführt. Zudem wurden die weltlichen Schulen sukzessive im Verlauf eines Jahres aufgelöst.

Lebenskundeunterricht in Berlin heute

Heute ist der Träger des Lebenskundeunterrichts im Land Berlin der Humanistische Verband Deutschlands (HVD). Der HVD ist eine Weltanschauungsgemeinschaft und wird nach dem deutschen Grundgesetz (Artikel 140 i.V.m. Artikel 137 WRV) mit den Kirchen gleichbehandelt. In drei Ländern der Bundesrepublik Deutschland hat der Humanistische Verband auch den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Der Humanistische Verband fordert die Trennung von Schule und Religion bzw. Weltanschauung und spricht sich für ein freiwilliges, pluralistisches Angebot der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften an der Schule aus.

Im Schuljahr 2007/08 nahmen 45.000 Schüler am freiwilligen Fach Lebenskunde teil.

Rahmenplan

Grundlage des Lebenskundeunterrichts ist der „Rahmenplan Lebenskunde“ in seiner 3. Auflage. Zusätzlich existiert eine Praxismappe mit Unterrichtseinheiten und die theoretische Zeitschrift „Theorie und Praxis der humanistischen Erziehung“, in der allgemeine pädagogische und weltanschauliche Fragen diskutiert werden. Lese- und Arbeitsbücher für Schüler liegen vor. Seit 1999 gibt es ein staatlich anerkanntes Ergänzungsstudium am Ausbildungsinstitut Lebenskunde in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Erziehungswissenschaften der Technischen Universität Berlin. Der Direktor ist Wilfried Seiring, ehemaliger Leiter des Landesschulamts in Berlin.

Trennung von Schule und Religion in Berlin

Durch die Freiwilligkeit des Weltanschauungsunterrichts ist in Berlin nach Ansicht des Humanistischen Verbandes eine zukunftsweisende Form gefunden worden, die auch Modellcharakter für die neuen Bundesländer haben könnte. Niemand ist gezwungen, an einem solchen Unterricht teilzunehmen, weshalb auch niemand zu einem Ersatzunterricht zum Religionsunterricht (z.B. Ethikunterricht) gezwungen werden, wie es in vielen Bundesländern der Fall ist.

Weltlicher Humanismus

Der Lebenskundeunterricht ist ein bekenntnisorientierter Weltanschauungsunterricht, der eine humanistische Lebensauffassung vertritt, mit der Menschen die alleinige Verantwortung für ihr Denken und Handeln begründen. Der weltliche Humanismus bietet eine Gesamtsicht auf die Welt und hat praktische Konsequenzen im Handeln seiner Mitglieder.

Der Lebenskundeunterricht ist am weltlichen Humanismus, der Aufklärung und den modernen (Natur-) Wissenschaften orientiert. Die Schüler können im Unterricht des Humanistischen Verbandes lernen, dass es keinen vorgegebenen Sinn des Lebens gibt, dass Menschen ihrem Leben aber einen Sinn geben können. Die Wissenschaften sind dabei ein bedeutendes Hilfsmittel, um Probleme und Konflikte zu lösen.

Der Lebenskundeunterricht soll dazu anleiten, die Bedeutung moralischen Handelns zu verstehen und insbesondere dabei helfen, moralische Positionen für das eigene Leben zu entwickeln. Dazu gehört die Frage, wozu wissenschaftliche Erkenntnisse benutzt werden sollen, wie auch die Bearbeitung existentieller Erfahrungen wie Tod, Sterben, Krankheit, Trennung und Vereinigung. Der humanistische Lebenskundeunterricht soll Kindern und Jugendlichen helfen, sich derartigen Fragen zu stellen und sie in ihren Alltag zu integrieren - ohne ein religiöses Glaubenssystem.

Ziele

Der humanistische Unterricht stellt die Würde jedes einzelnen Menschen ins Zentrum seiner Überlegungen. Er versucht, die Kraft zur Toleranz und zur Solidarität zu stärken, aber er möchte junge Menschen auch befähigen, gegen Dogmatismus und Fanatismus bewusst Widerstand zu leisten. Viele dieser Positionen werden heute auch vom Religionsunterricht vertreten. Der Humanismus sieht auch in den Religionen humanistische Wertvorstellungen formuliert – z.B. die Gerechtigkeitsforderung in der hebräischen Bibel. Humanisten versuchen deshalb, Religionen als Versuch der Menschen zu verstehen, ihre realen Konflikte zu bewältigen und haltbare gesellschaftliche Zusammenhänge zu begründen. Im Lebenskundeunterricht werden Religionen als von Menschen entwickelte Systeme analysiert, in ihrer Trost- und Hoffnungsstiftung begriffen und in ihrer kulturbildenden, ethischen Funktion dargestellt. Menschen, die ihr Leben nicht in Glaubensvorstellungen interpretieren wollen, sind nach Ansicht des Lebenskundeunterrichts ebenso in der Lage, moralische und ethische Positionen zu entwickeln. Die Bereitschaft zur Solidarität, auch und gerade mit den Schwächeren, ist mit Einfühlungsvermögen möglich und durch kritische Reflexion, die gerade die ethischen Konsequenzen menschlicher Entscheidungen berücksichtigt. Der Lebenskundeunterricht versteht sich als eine Ergänzung des wissenschaftlichen Unterrichts der Schulen und bietet die Gelegenheit, nach Lebenssinn, universellen Werten wie den Menschenrechten und nach dem Rätsel des Lebens zu fragen.

Siehe auch

Literatur

  • Humanistischer Verband Deutschlands (Hrsg.) Rahmenlehrplan für den Humanistischen Lebenskundeunterricht, Berlin 2008
  • Lexikon der Religionspädagogik, Norbert Mette (Hrsg.): Stichwort Lebenskunde, Seite 1164ff
  • Horst Groschopp / Michael Schmidt: Lebenskunde – Die vernachlässigte Alternative, Humanitas Verlag, Dortmund 1995
  • Peter Adloff / Bettina Alavi (Hrsg.): Genau wie Schule, nur ganz anders, Humanistischer Verband Deutschlands, 2001
  • Martin Ganguly: Ganz normal anders-lesbisch, schwul bi, Lebenskundesonderheft
  • Humanismus aktuell Heft 8 (Schwerpunktthema Lebenskunde), Humanistische Akademie Berlin (Hrsg.), 2001
  • Gerald Warnke: Lebenskundeunterricht - Geschichte und Perspektive des humanistischen Unterrichts in der Schule, Humanitas Verlag, Dortmund 1997

Weblinks


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