Horst Herrmann

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Horst Herrmann (1. August 1940 in Schruns) ist ein deutscher Hochschullehrer und Kirchenkritiker, (philosophischer und theologischer) Schriftsteller (Agnostizismus, Aufklärung) sowie Initiator der in Italien, Spanien, Ungarn und Liechtenstein eingeführten, doch in Deutschland heftig bekämpften Mandatssteuer zur Kirchenfinanzierung (sog. Herrmann-Modell).


Werdegang

Nach dem Besuch eines neusprachlichen Gymnasiums in Tuttlingen und zweier humanistischer Gymnasien in Ehingen/Donau und Rottweil a. N. studierte Horst Herrmann katholische Theologie und Rechtswissenschaften in Tübingen und München. Nach der Tätigkeit als Priester in Stuttgart promovierte er 1967 in Bonn zum Dr. theol., arbeitete dann in Rom und am Vatikan und habilitierte sich 1970 in Bonn für das Fach Kirchenrecht.

1970 wurde er als jüngster deutscher Hochschullehrer zum ord. Professor für katholisches Kirchenrecht an die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster berufen. 1974/1975 war er Prodekan und Dekan des Fachbereichs Katholische Theologie. Nach schweren Auseinandersetzungen um seine Pionierarbeit in Sachen Staat und Kirche und nach seiner Weigerung, seine Thesen zu widerrufen und künftig keine ähnlichen zu vertreten, wurde ihm 1975 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen. Dies war der erste Fall dieser Art in der Bundesrepublik Deutschland. Nach jahrelangen weiteren Streitigkeiten (erstes und einziges so genanntes Lehrbeanstandungsverfahren der Deutschen Bischofskonferenz) und der kirchenoffiziellen Verurteilung (auch durch die vatikanische Glaubenskongregation) trat er 1981 aus der Kirche aus, wechselte in den Fachbereich Sozialwissenschaften und war in Münster bis zu seiner Emeritierung 2005 Inhaber eines Lehrstuhls für Soziologie. Als solcher hat er tausende Staatsexamina abgenommen.

In Münster etablierte er 1982 die so genannte Frauenforschung, kurz darauf die Männerforschung und forschte in den von ihm erstmals entwickelten Richtungen wie der feministisch-infantistischen Väterforschung („Paternologie“) sowie der Soziologie der Partnerschaft („Synontologie“) und der Foltermentalitäten und -methoden („Trochologie“). Er hat hunderte Vorträge im In- und Ausland gehalten und arbeitet seit Jahrzehnten in allen wichtigen Medien mit (SPIEGEL, STERN, FOCUS, Talkshows, Podiumsdiskussionen). Er hat nicht nur mit seinen Bestsellern originäre Denkanstöße geliefert und in den weltweit ausschließlich von ihm bearbeiteten Themen Akzente gesetzt. Er ist auch der einzige Autor, dessen Schaffen Einfluß auf die praktische Kirchenpolitik mehrerer europäischer Länder ausübt (Neubegründung der Kirchenfinanzierungssysteme).

Horst Herrmann ist seit 1977 auf Empfehlung von Heinrich Böll Mitglied des P.E.N. Außerdem war er Herausgeber der im Münchner Goldmann Verlag erschienenen „Bibliothek des Querdenkens“. Unter dem Pseudonym Peter Simon veröffentlichte er zwei Kriminalromane, die im Vatikan spielen. Von ihm liegen an die 60 Bücher (in mehrere Sprachen übersetzt) und etwa 200 Beiträge zu religions- und patriarchatskritischen Themen vor. Besonderes Interesse finden seine Biographien (Girolamo Savonarola, Thomas Müntzer, Martin Luther, Johannes Paul II., Nero); seine Luther-Biographie wird seit 25 Jahren in Deutschland am meisten verkauft. Mit Karlheinz Deschner, mit dem er jahrzehntelang eng befreundet war, veröffentlichte er "Der Antikatechismus. 200 Grunde gegen die Kirchen und für die Welt" (1991). Wichtige biographische und schriftstellerische Meilensteine waren "Ein unmoralisches Verhältnis. Bemerkungen eines Betroffenen zur Lage von Staat und Kirche in der Bundesrepublik Deutschland" (1974), ein Buch, das zum Entzug der Lehrerlaubnis führte, "Die Kirche und unser Geld" (1990), eine Publikation, die auch außerhalb der Großkirchen lebhafteste Diskussionen auslöste, "Vaterliebe. Ich will ja nur dein Bestes" (1990), eine in dieser Form sonst nicht anzutreffende Abrechnung mit dem Patriarchat, "Agnostizismus" (2008), das einzige auf dem Buchmarkt befindliche Buch zum Thema (Abgrenzung zum Atheismus). Besondere Aufmerksamkeit erfahren seine 2010 erschienene, zusammen mit dem Naturwissenschaftler W. Göpfert verfaßte "Allgemeinbildung" sowie "Die Philosophie der Aufklärung (2012), eine Sicht unter innovativen Perspektiven. In Vorbereitung ist u. a. eine spezielle "Gotteslehre".

Horst Herrmann hat Begriffe geprägt, die in den (auch wissenschaftlichen) Sprachgebrauch (teilweise in Fremdsprachen) eingegangen sind: Alienismus, Caritas-Legende, Defensivinstitution, Infantismus, Mandatssteuer, Paternologie, Possessionismus, Sekurantismus, Synontologie, Trochologie, Werteväter.

Horst Herrmann war Mitglied des Beirats des IBKA und ist Mitherausgeber von "Aufklärung und Kritik" (AuK). 2005 erhielt er den nach Robert Mächler benannten Preis für kritische Aufklärung und humanitäres Engagement: "Seine so unermüdliche wie umfangreiche, in der Tradition großer Aufklärer geleistete religionskritische Forschungsarbeit hat ihn selbst zwar lebenslanger Anfeindung ausgesetzt, zugleich aber ungezählten Menschen ein freieres Denken und Leben ermöglicht."

Werke (Auswahl)

  • Die Stellung unehelicher Kinder nach kanonischem Recht. Grüner, Amsterdam 1971
  • Der priesterliche Dienst IV. Kirchenrechtliche Aspekte der heutigen Problematik. Herder (QD 49), Freiburg im Breisgau 1972
  • Ehe und Recht. Versuch einer kritischen Darstellung. Herder (QD 58), Freiburg im Breisgau 1972
  • Kleines Wörterbuch des Kirchenrechts. Für Studium und Praxis. Herder, Freiburg im Breisgau 1972
  • Ein unmoralisches Verhältnis. Bemerkungen eines Betroffenen zur Lage von Staat und Kirche in der Bundesrepublik Deutschland. Patmos, Düsseldorf 1974
  • Die sieben Todsünden der Kirche. Mit einem Nachwort von Heinrich Böll. Bertelsmann, München 1976
  • Savonarola. Der Ketzer von San Marco. Bertelsmann, München 1977
  • Ketzer in Deutschland. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1978
  • Martin Luther. Eine Biographie. Viele Auflagen in verschiedenen Verlagen, 5. A. als Taschenbuch Aufbau TB, Berlin 2008, ISBN 3-7466-1933-5
  • Vaterliebe. Ich will ja nur dein Bestes. Rowohlt, Reinbek 1990
  • Die Angst der Männer vor den Frauen. Konkret, Hamburg 1990
  • Die Kirche und unser Geld. Daten – Tatsachen – Hintergründe. Rasch und Röhring, Hamburg 1990
  • Der Anti-Katechismus. 200 Gründe gegen die Kirchen und für die Welt (mit Karlheinz Deschner). Rasch und Röhring, Hamburg 1991
  • Kirchenfürsten. Zwischen Hirtenwort und Schäferstündchen. Rasch und Röhring, Hamburg 1992
  • Kirchenaustritt – ja oder nein? Argumente für Unentschlossene. Rasch und Röhring, Hamburg 1992
  • Die Caritas-Legende. Wie die Kirchen die Nächstenliebe vermarkten. Rasch und Röhring, Hamburg 1993
  • Passion der Grausamkeit. 2000 Jahre Folter im Namen Gottes. Bertelsmann, München 1994
  • Was ich denke. Goldmann, München 1994
  • Johannes Paul II. beim Wort genommen. Eine kritische Antwort auf den Papst. Goldmann, München 1995
  • Thomas Müntzer heute. Versuch über einen Verdrängten. Klemm und Oelschläger, Ulm 1995, ISBN 3-9802739-7-0
  • Sex und Folter in der Kirche. 2000 Jahre Folter im Namen Gottes. Orbis, München 1998
  • Liebesbeziehungen – Lebensentwürfe. Eine Soziologie der Partnerschaft. Telos, Münster 2001 (5. Auflage 2010), ISBN 3-933060-03-6
  • Begehren, was man verachtet. Männer haben Angst vor Frauen. Telos, Münster 2003 (4. Auflage 2009), ISBN 3-933060-09-5
  • Kirche, Klerus, Kapital. Hintergründe einer deutschen Allianz. LIT, Münster 2003, ISBN 3-8258-6862-1
  • Lexikon der kuriosesten Reliquien. Vom Atem Jesu bis zum Zahn Mohammeds. Rütten & Loening, Berlin 2003, ISBN 3-352-00644-X
  • Die Heiligen Väter. Päpste und ihre Kinder. Aufbau TB, Berlin 2004, ISBN 3-7466-8110-3
  • Die Folter. Eine Enzyklopädie des Grauens. Eichborn, Frankfurt 2004, ISBN 3-8218-3951-1
  • Nero. Eine Biographie. Aufbau TB, Berlin 2005, ISBN 3-7466-1777-4
  • Johannes Paul II. Wahrer Mensch und wahrer Papst. Aufbau TB, Berlin 2005, ISBN 3-351-02605-6
  • Benedikt XVI. Der neue Papst aus Deutschland. Aufbau TB, Berlin 2005, ISBN 3-7466-2210-7
  • Agnostizismus. Freies Denken für Dummies. Wiley-VCH, Weinheim 2008, ISBN 978-3-527-70426-2
  • Allgemeinbildung für Dummies. Wiley-VCH, 2. Auflage Weinheim 2012, ISBN 978-3-527-70512-2
  • Philosophie der Aufklärung für Dummies. Wiley-VCH, Weinheim 2012, ISBN 978-3-527-70705-8

Unter dem Pseudonym „Peter Simon“ sind erschienen:

  • Der Papst, die Prophezeiung und das Nest der Waschbären. Roman. Rütten & Loening, Berlin 1996
  • Im Vatikan ist die Hölle los. Roman. Rütten & Loening, Berlin 1998

Als Herausgeber war Horst Herrmann tätig: Reihe Querdenken (Goldmann Verlag München 1994-1996) mit Einzelausgaben "Was ich denke" von Karlheinz Deschner, Adolf Holl, Alfred Grosser, Friedbert Pflüger, Margarita Mathiopoulos, Jutta Voss, Georg Kronawitter, Herbert Achternbusch, Eugen Drewermann, Friedrich Schorlemmer, Anna Elisabeth Rosmus, Regine Hildebrandt, Jutta Ditfurth.

Literatur

  • Peter Rath (Hrsg.): Die Bannbulle aus Münster oder Erhielte Jesus heute Lehrverbot? Der Fall Herrmann-Tenhumberg. Mit einem Vorwort von Heinrich Böll (München-Hamburg 1976).
  • Roland Seim (Hrsg.): "Mein Milieu meisterte mich nicht". Festschrift zum 65. Geburtstag von Horst Herrmann (Münster 2005). ISBN 3-933060-19-2
  • Yvonne Boenke (Hrsg.), "Lieber einen Knick in der Biographie als einen im Rückgrat". Festschrift zum 70. Geburtstag von Horst Herrmann (Münster 2010). ISBN 978-3-933060-31-0

Auszeichnungen

  • Robert-Mächler-Preis für kritische Aufklärung und humanitäres Engagement. Zürich 2005. [1]

Zitate

"Vielleicht den Umweg über die Denunziation eines solchen Professors wählen, die 'Glaubwürdigkeit', die 'persönliche Integrität' des Betreffenden und damit seine 'Sache' anzweifeln ... Es ist doch merkwürdig, dass die Kirchen, wenn man Schwächen an ihnen entdeckt, sich immer auf das Menschlich-Allzumenschliche berufen, es aber nie denjenigen zubilligen, die Schwächen an ihnen entdecken. Ich glaube nicht, dass Horst Herrmann diesen Kredit wird beanspruchen müssen - er sollte nur für ihn in Reserve stehen, er sollte nicht durch Denunziationen erpreßbar sein" (Heinrich Böll, 1975).

"Horst Herrmann zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Vertretern der Aufklärung in Deutschland, ein Mann, der wie wenige andere hierzulande der unbequemen Aufforderung Kants nachgekommen ist, den Mut aufzubringen, 'sich des eigenen Verstandes zu bedienen', koste es was es wolle" (Michael Schmidt-Salomon, 2005).

"Wer je die Eloquenz seiner legendären Vorlesungen erleben durfte, weiß wovon ich rede ... Mühelos füllten sich die größten Hörsäle ... Ob Erstsemester oder Studium im Alter - nirgendwo sonst habe ich erlebt, wie ein Professor sein Auditorium so in Beschlag nahm. Das über Jahrzehnte hinweg." (Dr. Roland Seim, 2005).

"Horst Herrmann, eine Schlüsselperson in der Analyse von Kirchenpolitik im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts" (Horst Groschopp, 2009).

"Horst Herrmann ist wie ein Kind aus dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, das bemerkt, dass der König oder hier, der Papst, keine Kleider an hat. Was andere Leute vielleicht vorlaut oder ungezogen nennen, ist für ihn nur der Hinweis auf eine Selbstverständlichkeit, die jeder sehen und hören, fühlen und sagen kann: Die Kirche hat ja gar keine spirituellen Kleider an! Da ist nichts! Unter den Talaren nur Muff von tausend Jahren." (Jürgen Fliege, 2010).

"Große Anerkennung für die Pionierarbeit zum Thema Kirchenfinanzierung" (Carsten Frerk, 2010).

Einzelnachweise

Weblinks

Kategorie: Kirchenrechtler Soziologe Kirchenkritiker Hochschullehrer