Folter

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Folter meint die systematisch und bewusst vorgenommene, meist von Willkür bestimmte, wenn auch von der jeweiligen Gewalt und deren Justiz als Herrschaftsmittel legitimierte, ermöglichte oder zumindest tolerierte (nicht strafverfolgte), in variablen, demütigenden und Menschen verachtenden Formen erfolgende Zufügung von akutem und/oder fort wirkendem physischem und psychischem Schmerz durch Menschen gegenüber anderen, um die Absichten der einen (wie „Vorbereitung zum Verhör“, Geständniserpressung, „Wahrheitsfindung“) gegen den Willen des/der anderen und zur Brechung von dessen Eigenwillen durchzusetzen.

Vorbemerkung: Zehn Grundsätze

Die Fähigkeit und die erklärte Bereitschaft zu foltern und hinzurichten, unterscheiden den Menschen von den anderen Lebewesen auf diesem Planeten.

„Ganz gewöhnliche“ Menschen und damit Mehrheiten haben zum Beleg ihrer Gehorsamsbereitschaft gegen Autoritäten und deren angeblich nationale, weltanschauliche und religiöse Gründe immer gefoltert und hingerichtet; viele andere haben zugeschaut („Zuschauermehrheit“). Das 20. Jahrhundert jedoch, das mehr Opfer als alle vorangegangenen zusammen forderte, muss bis auf weiteres als das blutigste und voyeuristischste von allen gelten.

Privatfoltern, etwa bei vielen sadomasochistischen Praktiken, sind relativ harmlos im Vergleich zu den legitimierten, hunderttausendfach praktizierten und zur Befriedigung der Schaulust vieler öffentlich vorgeführten Methoden.

So genannte Moralinstanzen (zumindest Teile von Kirche, Staat, Polizei, Justiz, Wissenschaft) sind weithin desavouiert; sie weisen, nicht nur historisch, in vielen Ländern der Welt verderbte Köpfe und blutige Hände auf.

Die Maschinerie der Martern ist kein Ergebnis eines irrationalen („Hexen“-) Wahns, sie wird bewußt und gewollt geplant, organisiert, perfektioniert.

Es findet sich kein Element (Wasser, Feuer, Luft und Erde), keine Ideologie, kein Werkzeug, die sich nicht zum Foltern hätten verwenden lassen.

Der Körper des Menschen kennt kein Glied, für das kein eigenes Foltergerät erfunden und benutzt worden wäre und wird.

Foltermentalitäten äußern sich bei jenen zumeist unter Konformitätsdruck stehenden Menschen, die andere aufgrund von Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder Nationalität von vornherein für rangniedrig und zweitklassig halten und nichts dagegen haben, solche „Untermenschen“ wie schädliche Tiere zu bestrafen, ja zu vernichten. Diese Mentalität läßt sich entgegen einer verbreiteten Meinung nicht auf isolierbare „Außenseiter“ eingrenzen; sie ist keine Angelegenheit bloßer Minderheiten, sondern gründet in der fast allgemein anzutreffenden fremden- und abweichlerfeindlichen Haltung einer Gesellschaft.

Das polizeilich, staatsanwaltschaftlich, gerichtlich kaum zu fassende Potential an Folter- und Tötungsbereitschaft ist bei passender Gelegenheit (Progromstimmung) zu mobilisieren. Menschen handeln fürchterlich, weil sie lieber gefürchtet werden, als sich selber fürchten zu müssen.

Wissen über Geschehenes und Geschehendes, Sensibilität für die Leiden der (potentiellen) Opfer und Scham über die historischen und aktuellen Zustände (als revolutionäres Gefühl) sind weitaus seltener anzutreffen und ungleich schwieriger zu vermitteln oder zu stärken.

Zur Geschichte und Etymologie

Als gerichtliche Untersuchungsmethode gehört die Folter („scharfe, peinliche Frage“) dem römischen Recht an, nicht den germanischen Volksrechten; die deutsche Justiz (Rechtssprache) übernimmt im späten Mittelalter den Fachausdruck sowie die (inquisitorischen) Methoden der Schmerzzufügung. Der Fachausdruck Folter - vielleicht dem lateinischen poledrus (Fohlen) entlehnt, da schon im 5. Jahrhundert ein Foltergerät, das Ähnlichkeit mit einem Pferd hatte, so bezeichnet wurde, - taucht wie das Verb etwa um 1400 als föltrit auf; auf die Bildung der beiden Wörter haben wohl die Lehnwörter Marter, martern miteingewirkt. Im 17. Jahrhundert sind sie dann im Deutschen geläufig (Schriftsprache). Seit dem 16. Jahrhundert findet sich die Ableitung Folterung. Die Bezeichnung „Tortur“ kommt vom lat. torquere (drehen, verdrehen).

Besonders bekannt geblieben sind Mentalitäten, Inhalte und Methoden der so genannten Inquisition. Hier finden sich nicht nur Menschen verachtende Anwendungen, sondern Geisteshaltungen, welche die Täter "um der guten Sache willen" zu den schlimmsten Quälereien gefügig machten.

Folter als Instrument der Herrschaft

Ausgesuchte Foltern sind in aller Regel nicht Privatsache, sondern liegen im Interesse von Regierungen und Macht ausübenden Institutionen, werden von eigens dazu legitimierten Organen angewandt und haben eine politische Funktion. Folter als Herrschaftsmittel und Verletzung des (universalen) Menschenrechts auf Unversehrtheit von Körper und Geist ist fast ausschließlich in einem bestimmten, oft durch spezielle Rechtssituationen (Militärgerichtsbarkeit, Kriegsrecht, Anti-Terror-Gesetze, Notstandsgesetze) gestärkten (sozial-) politischen Klima anzutreffen. Hier läßt sie sich auffallend leicht legitimieren, stabilisieren und praktizieren; hier gedeihen „folterfreundliche“ Mentalitäten: eine totalitäre Ideologie, die Diskriminierung, ja Dehumanisierung bestimmter Menschen und Gruppen sowie die Berufung auf Erfordernisse der nationalen (oder institutionellen) Sicherheit.

Hinter der Folter, für die neuerdings Täter in eigenen Folterschulen ausgebildet werden, steht seit alters die Verfolgung eines Zwecks, meist die erklärte oder stillschweigende Absicht, Gehorsam gegen Autorität zu beweisen, politische oder weltanschauliche Gegner, ihr Umfeld oder die gesamte Bevölkerung einzuschüchtern, „physische und psychische Bedingungen für eine vorteilhafte Befragung von Zeugen“ zu schaffen, von einem Menschen oder einem Dritten Geständnisse zu erpressen, Menschen für eine tatsächliche oder mutmaßliche von ihnen begangene Tat zu bestrafen und/oder einen Menschen und seine Identität durch „zerstörungstechnologisches Bezwingen“ (U. Devries) zu zerbrechen.

Folter, alles andere als ein auf Einzelfälle begrenztes oder gar ein zufälliges Ereignis, dient heute in aller Regel als Medium der Regierungspolitik und als politische Waffe, die Angst wie Gehorsam hervorrufen soll. Auch am Beginn des 21. Jahrhunderts sind Folter und Misshandlung noch in den meisten Staaten der Erde Teil des staatlichen Instrumentariums und tägliche Realität. Alarmierend wirkt in diesem Zusammenhang die skandalöse Feststellung, dass sich die Zahl der Foltergegner verringert: Folter, die sich auf „Andere“ bezieht, droht mehr und mehr akzeptiert zu werden. Die Kampagnen von ''amnesty international'', die unzählige Schritte für eine folterfreie Welt unternehmen („Folter verhindern, Folter beenden, Täter bestrafen“), sind daher trotz vieler Einzelerfolge noch längst nicht an ihr Ziel gekommen.

Verdrängungsleistungen

Der erste Eindruck von Folter ist es, dass nur einige wenige Sadisten bis auf den heutigen Tag in abgelegenen Folterkammern zum Mittel der Marter greifen. Dieser Eindruck, der sich in einer Art sittlicher Entrüstung äußert, ist von Grund auf falsch. Die Bereitschaft eines Menschen, einem anderen auf Befehl immer stärkere Schmerzen zuzufügen und damit Gehorsam gegen eine Autorität zu beweisen, statt ihr entgegenzutreten, ist seit dem Experiment von S. Milgram bekannt. Verdrängen, Vergessen, Leugnen, Lügen sind aber gesellschaftlich angesagt.

Eine „heilige Sache“, die stets die eigene ist, erzeugt noch immer sehr verlässlich jenes gute Gewissen, das rücksichtslose Brutalität und gewissenlosen Terror erlaubt und sogar als Heldentat überhöht (H. Gundolf). Folter und Tötung werden heute in einem Maße praktiziert, das die Welt noch nie gekannt hat und das selbst die Jahrhunderte der Inquisition in den Schatten stellt. Und das, obwohl in der neueren Geschichte der westlichen Welt die Folter im Strafverfahren ebenso wie die Todesstrafe weithin abgeschafft wurde. Die traditionelle gesetzmäßige oder gerichtliche Folter ist von den Vereinten Nationen offiziell geächtet.

Auch wenn die Folter zumindest geächtet ist, wird sie im Dunkel der Polizeigefängnisse und politischen Straflager (Guantanamo), aber auch in den geschlossenen Abteilungen mancher psychiatrischer Kliniken praktiziert, und das in einem für viele unglaublichen Maß und mit immer neuen, immer raffinierteren Maschinerien und Methoden.

Folterindustrie

Während sich die Täter in der Vergangenheit bei der Herstellung und Nutzung von Foltergeräten meist auf sich allein gestellt sahen, ist gegen Ende des 20. Jahrhunderts im Verlauf sich ausweitender, bereits als massenhaft zu bezeichnender Folteranwendung eine eigene Industrie entstanden, die einen besonderen Markt bedient, indem sie bestimmte Folterwerkzeuge herstellt und, offensichtlich ohne jede wirksame Kontrolle, an ihre Abnehmer (staatliche und halbstaatliche, paramilitärische Organisationen) liefert. Auch die Ausbildung der Täter in Trainingslagern nimmt nach ''amnesty international'' vor allem in Lateinamerika geradezu industrielle Formen an.

Die Zahl der Firmen, die beispielsweise Elektroschockgeräte vertreiben, ist seit 1980 von 30 auf 150 gestiegen. In 22 Staaten werden derzeit Produktion und/oder Handel mit Elektroschockgeräten registriert. In den USA sind es 97, in Deutschland 30 Firmen, die solche oder ähnliche Geräte anbieten (Tränengas, Fesselwerkzeuge). 1999 sind in Deutschland Genehmigungen an 16 Firmen erteilt worden. Die Ausfuhr vieler Geräte unterliegt noch strengerer Geheimhaltung als der „normale Waffenhandel“.

Forschungsstand

Spezifisch folterkundliche Forschungen, die sich systematisch und umfassend mit Geschichte und Gegenwart der Tortur sowie mit Tätern und Opfern (auch im Hinblick auf Folgeschäden für künftige Generationen) beschäftigen und beispielsweise wie die Friedens- und Konfliktforschung ein (interdisziplinäres) Forschungsgebiet (Trochologie, von griech. trochos Rad, Folter) eröffneten, sind noch nicht die Regel.

Literatur

amnesty international, „Wer der Folter erlag ...“ Ein Bericht über die Anwendung der Folter in den 80er Jahren (Frankfurt a.M. 1985).

P. Burschel, G. Distelrath, S. Lembke (Hg.), Das Quälen des Körpers. Eine historische Anthropologie der Folter (Köln-Wien 2000).

U. Devries, Amnesty international gegen Folter. Eine kritische Bilanz (Frankfurt a. M. 1998).

Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.), Nie wieder! Ein Bericht über Entführung, Folter und Mord durch die Militärdiktatur in Argentinien (Weinheim-Basel 1987).

F. Helbing, Die Tortur. Geschichte der Folter im Kriminalverfahren aller Zeiten und Völker (1910, Nachdruck Augsburg 1999).

H. Herrmann. Die Folter. Eine Enzyklopädie des Grauens. Eichborn, Frankfurt a. M. 2004.

H. Herrmann, Sex und Folter in der Kirche. 2000 Jahre Folter im Namen Gottes, AubauTB, Berlin 2006.

G. Keller, Die Psychologie der Folter. Die Psyche der Folterer, die Psycho-Folterer, die Psyche der Gefolterten (Frankfurt a.M. 1981).

S. Milgram, Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität (Reinbek 1982).

K. Millet, Entmenschlicht. Versuch über die Folter (Hamburg 1993).

E. Peters, Folter. Geschichte der Peinlichen Befragung (Hamburg 1991).

J. Ph. Reemtsma (Hg.), Folter. Zur Analyse eines Herrschaftsmittels (Hamburg 1991).