Euthyphrons Dilemma

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Euthyphrons Dilemma ist eine auf Platon zurückgehende Argumentationsfigur, durch die aufgezeigt wird, dass Gottes Existenz (oder Nichtexistenz) und Gottes Gebote für die Moral keine Rolle spielen können. Es handelt sich also um einen Gedanken von größter religionskritischer Relevanz.

Aufbau des Arguments

Das Argument hat die Form einer Reductio ad absurdum. Man betrachte die folgende moralische Aussage: "Kinder essen ist falsch." Angenommen, dass diese Aussage wahr ist, und ferner angenommen, dass Gott uns verboten hat, Kinder zu essen - dann stellt sich die Frage nach der Art des Zusammenhangs zwischen Gottes Verbot und der moralischen Tatsache, dass es schlecht ist, Kinder zu essen. Anscheinend gibt es nur zwei Möglichkeiten:


1) Es ist schlecht, Kinder zu essen, weil Gott es uns verboten hat.

2) Gott hat uns verboten, Kinder zu essen, weil es schlecht ist.


Bei der ersten Variante kommt die Verwerflichkeit des Kinderverspeisens erst durch das göttliche Verbot zustande: Kinderverspeisen ist deshalb und nur deshalb falsch, weil Gott dieses Verbot erlassen hat. Das Verbot ist konstitutiv für die Schlechtigkeit der Handlung. Bei der zweiten Alternative verhält es sich umgekehrt: Die Schlechtigkeit dieser Handlung ist hier das Primäre, und Gott selbst verbietet uns das Kinderessen eben nur deshalb, weil es schlecht ist.

Für einen Theisten, der seine Moral mit Rückgriff auf Gottes Gebote stützen will, sind beide Möglichkeiten inakzeptabel. Die erste Variante ist unannehmbar, denn es erhebt sich sofort die Frage: Was wäre, wenn Gott das Verspeisen von Kindern nicht ver-, sondern ge-boten hätte? Das ist ja immerhin denkbar. Wäre es dann tatsächlich moralisch gut, Kinder zu essen? Ein Theist, der die Frage bejaht, scheint zuzugeben, dass seine Moral nicht viel mehr ist als ein Kadavergehorsam. Ein Theist, der sie verneint, gibt hingegen zu, dass die Schlechtigkeit von Kannibalismus nichts mit Gottes Gebot zu tun hat.

Variante 1) ist außerdem noch mit zwei weiteren Problemen konfrontiert: Erstens Wenn "gut" immer das ist, was Gott gebietet, dann folgt daraus, dass Gott für seine Anweisungen keinerlei Maßstäbe hatte, nach denen er sich richten konnte; seine Anweisungen waren also vollkommen willkürlich und beliebig! Er hätte Kannibalismus ebenso gut ge-bieten können, denn er hatte ja keinen moralischen Grund für seine Gebote.

Zweitens: Wenn "gut" immer das ist, was Gott tut und gebietet, dann folgt daraus, dass sich nicht einmal der Begriff Gottes auf nicht-zirkuläre Weise definieren lässt. Denn falls "gut" nicht mehr bedeutet als "was Gott tut und befiehlt", ist die Aussage "Gott ist absolut gut" eine bloße Tautologie. Man vergleiche: Ich definieren "babig" als das Verhalten von Herrn Meier. Sage ich im Folgenden, dass Herr Meier sich stets babig verhält, dann habe ich eine absolut gehaltlose Tautologie geäußert. Sofern es keine von Gott unabhängigen Maßstäbe für Gut und Schlecht gibt, ist mit der Behauptung, dass Gott vollkommen gut ist, also noch überhaupt nichts gesagt.

Betrachten wir jetzt die zweite Variante: Gott hat uns das Kinderverspeisen verboten, weil es schlecht ist. Das hört sich offenbar besser an. Keines der oben genannten Probleme stellt sich bei dieser Variante. Dafür ergibt sich für den Theisten ein anderes Problem: Wenn Gott sich bei seinen Geboten und Handlungen selbst nach dem richtet, was gut und was schlecht ist, dann muss es einen von Gott unabhängigen moralischen Maßstab geben. Die christliche Behauptung, die Moral würde auf Gott beruhen, kollabiert.

Literatur

  • Platon: Euthyphron, übersetzt und herausgegeben von Otto Leggewie, Stuttgart 1986.
  • Norbert Hoerster: Die Frage nach Gott, München 2005.