Epikur

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Epikur (griechisch Ἐπίκουρος, Epíkouros; * um 341 v. Chr. auf Samos, † um 270 v. Chr. in Athen) war ein griechischer Philosoph und Begründer des Epikureismus. Diese im Hellenismus parallel zur Stoa entstandene philosophische Schule hat durch die von Epikur entwickelte hedonistische Lehre seit ihren Anfängen zwischen Anhängern und Gegnern polarisierend gewirkt. Sie war und ist durch eine verbreitet einseitige Betonung des epikureischen Lustprinzips Fehldeutungen ausgesetzt. Nach dem Garten, in dem Epikur und seine Anhänger sich versammelten, wird dessen Lehre auch Kepos genannt.

Biographie

Epikur wurde um 341 v. Chr. von seiner Mutter Chairestrate auf der ägäischen Insel Samos geboren. Sein Vater Neokles war als Kolonist (Kleruch) von Athen nach Samos umgesiedelt worden, wo er als Elementarlehrer und Landwirt ein nur geringes Einkommen fand. Die Überlieferung von Epikurs Lebenslauf ist mit Lücken und Unsicherheiten behaftet, die sich u.a. daraus ergeben, dass sein wichtigster Biograph, Diogenes Laertios, erst aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert stammt.

Schon als 14-Jähriger fand Epikur zur Philosophie. Es heißt, sein Lehrer habe ihm das Chaos bei Hesiod nicht erklären können und ihn auf die Philosophen verwiesen. Der Platoniker Pamphiles und der Demokriteer Nausiphanes waren seine ersten Lehrer. Pamphiles machte jedoch keinen besonders guten Eindruck auf Epikur, da er sich vor allem durch rhetorische Prahlerei hervortat, die Epikur der Rhetorik insgesamt entfremdete. Nachhaltiger sah er sich auf den Atomismus des Demokrit verwiesen, den er sich zu Eigen machte.

Mit 18 Jahren kam Epikur nach Athen, wo er als Ephebe im Gymnasium eine zweijährige vormilitärische Ausbildung absolvierte, durch die Mündigkeitserklärung und die Aufnahme in die Bürgerliste abgeschlossen wurde. Epikur hatte gerade seine Zeit als Ephebe beendet, als 323 v. Chr. Alexander der Große starb und die Athener sich gegen die makedonische Vorherrschaft auflehnten. Sie erlitten eine schwere Niederlage, in deren Folge auch Neokles, Epikurs Vater, als athenischer Kolonist seinen Besitz auf Samos an die makedonischen Besatzer unter Perdikkas verlor. Neokles floh nach Kolophon bei Ephesos ins Exil, wohin Epikur seinem Vater bald nachfolgte. Als 319 v. Chr. Samos an Athen zurückgegeben wurde, erhielt Neokles eine finanzielle Entschädigung für den Verlust seines Grundstücks.

Über die nachfolgenden Jahre fehlt jegliche Kunde von Epikur. Vielleicht war er 311 v. Chr. - 306 v. Chr. Lehrer der Philosophie zuerst in Mytilene auf Lesbos, später in Lampsakos am Hellespont. In dieser Zeit könnte er mit Metrodoros von Lampsakos, dessen Bruder Timokrates, Idomeneus, Leonteus und dessen Frau Themista, Kolotes und Polyainos seine treuesten Jünger gewonnen haben. Im Jahre 306 v. Chr. zog Epikur nach Athen, wo nach dem Sturz des Demetrius von Phaleron die Attische Demokratie wieder aufzuleben schien. Dort erwarb er für 80 Minen jenen Garten (Kepos), in dem er seine Schule gründete. Der Kepos diente seinen aus Menschen aller Gesellschaftsschichten stammenden Anhängern als Versammlungsort, und er lebte dort mit seinen Schülern (anfänglich sollen es 200 gewesen sein), die teilweise von weither zu ihm kamen, nach Art einer 'Kommune' oder eines weltlichen Klosters ohne individuellen persönlichen Besitz. Im scharfen Gegensatz zu den herrschenden Sitten nahm er auch Ehepaare, Frauen (Hetären) und Sklaven als Schüler bei seinen Symposien auf.

Die den Epikureern vielfach nachgesagten Schwelgereien und sonstigen Exzesse dürften auf falschen Vorstellungen und übler Nachrede beruhen. Sie stünden auch im Widerspruch zur Lehre Epikurs, der seine Gäste am Eingang des Gartens mit folgender Inschrift begrüßte: Tritt ein, Fremder! Ein freundlicher Gastgeber wartet dir auf mit Brot und mit Wasser im Überfluss, denn hier werden deine Begierden nicht gereizt, sondern gestillt. Die sinnlichen Begierden, deren Berechtigung nur eingeschränkt akzeptiert wurde (s.u.), sollten sich auf die kleinen, leicht erreichbaren Freuden richten: Schicke mir ein Stück Käse, damit ich einmal gut essen kann.

Etwa 40 Jahre lang, bis zu seinem (wohl durch Nieren- oder Harnsteine verursachten) Tod im Jahr 270 v. Chr. blieb Epikur der geistige Mittelpunkt des Gartens, in dessen Schutz freundschaftliche Beziehungen besonders gepflegt wurden. Da Metrodoros vor Epikur verstorben war, ging die Leitung des Kepos nach dessen Tod auf Hermachos über.

Epikurs Schule musste vermutlich stets um ihre Existenz kämpfen, zumal sie den Griff nach Macht und Reichtum strikt ablehnte und daher - von Ausnahmen abgesehen - nur schwer Zugang zu den Reichen und Mächtigen fand. Dennoch hielt sich der Kepos, zuletzt noch von dem Stoiker Mark Aurel gefördert, bis über das 2. Jahrhundert n. Chr. hinaus.

Epikurs Lehre

Eine Gemeinsamkeit der in hellenistischer Zeit entstandenen philosophischen Schulen (neben den Epikureern zählen dazu die Skeptiker und die Stoiker) ist ihre Ausrichtung auf das individuelle Lebensglück bzw. Seelenheil, das der griechische Begriff Eudaimonie meint. Je spezifisch sind dagegen die Wege, die zu diesem Weg führen sollen. Charakteristisch für die Lehre Epikurs sind die Entwicklung spezieller Formen der Bedürfnisregulation zum Zweck der Lustmaximierung und die radikale Diesseitigkeit aller Strebungen, begründet in der Auffassung, dass auch die menschliche Seele mit dem Tod zur Auflösung kommt. Nicht ein ewiges Leben, sondern der bei Lebzeiten zu vollendeter Seelenruhe (Ataraxie) gelangte epikureische Weise ist das Grundmotiv der Epikureer. Auch Epikurs Lehre umfasst die drei klassischen Felder der Philosophie der antiken Philosophie: die Physik (Naturlehre), die Logik oder hier: Kanonik (Erkenntnislehre) und die Ethik (Verhaltenslehre), wobei die letztere als Zentrum und Konstruktionsziel des gesamten Lehrgebäudes anzusehen ist (vgl. Hossenfelder, S. 27).

Quellen

Vom umfangreichen Schaffen Epikurs (mindestens 40 Abhandlungen, darunter 37 Bücher seines Hauptwerks Über die Natur) sind nur noch Fragmente erhalten:

  • Brief an Menoikeus zu ethischen Aspekten (Text in deutscher Übersetzung)
  • Brief an Herodot zu Erkenntnistheorie und Naturphilosophie
  • Brief an Pythokles zu Astronomie und Meteorologie

Außerdem überliefert sind zwei Sammlungen von Lehrsätzen:

  • Die Kyriai doxai – 40 Hauptlehrsätze zum Auswendiglernen
  • Das Gnomologium Vaticanum Epicureum – eine 1888 in einem Vatikan-Kodex entdeckte Zitatsammlung mit Aussprüchen Epikurs und wichtiger Schüler

Wegen der großen Überlieferungslücken stützt sich die Rekonstruktion seiner Lehre vor allem auf Texte seiner Anhänger (Lukrez, Horaz, Plinius der Jüngere), sowie weitere Kenner wie Cicero und Seneca. Wichtige Sekundärquellen über Epikur und seine Lehre sind:

  • Diogenes Laertios, De vitis et dogmatibus clarorum philosophorum, Buch X (Leben und Meinungen berühmter Philosophen, in welchem unter anderem die oben genannten Briefe und der umstrittene Brief an Pythokles sich befinden
  • Lukrez: De rerum natura (Ein Lehrgedicht, das die Naturphilosophie Epikurs wiedergibt)
  • Marcus Tullius Cicero: De natura deorum ("Vom Wesen der Götter"); De finibus bonorum et malorum ("Über das höchste Gut und das größte Übel"); De fato ("Über das Fatum")
  • Plutarch: Placita philosophorum, Contra Colotem.
  • Diogenes von Oinoanda, der Verfasser einer umfangreichen Inschrift, in der die Lehre Epikurs dargestellt wird.

Natur- und Erkenntnislehre

Epikur übernahm Demokrits atomistische Lehre und entwickelte sie weiter. Mit ihrer Hilfe erklärte er die Entstehung und Existenz der Welt auf rein materialistische Weise, das heißt ohne spirituelle, mystische oder religiöse Elemente, mit Hilfe kleinster, unzerstörbarer, ewig bestehender Atome und deren Bewegung.

Nach Epikur entsteht nichts aus Nichts und kann nichts zu Nichts vergehen. Voraussetzung dafür ist ein ewiger und unwandelbarer Grundstoff, aus dem alle Dinge entstehen und in den sie wieder zurückgehen. Dies sind die letzten unteilbaren Einheiten, die Atome. Sie sind unsichtbar und haben als Eigenschaft Größe, Gestalt und Schwere. Die Anzahl der Atomformen ist begrenzt, ebenso die Anzahl der aufgrund dieser Atomformen möglichen Kombinationen.

Alle möglichen Kombinationen aber müssen in der verflossenen zeitlichen Unendlichkeit unendlich oft realisiert worden sein, so dass die Aufteilung des unendlichen Atomreservoirs an die möglichen Kombinationen eine gleichmäßige ist. Der neben den Atomen die Welt konstituierende, real existierende leere Raum ist unkörperlich. In ihm bewegen sich die Atome. Bewegung ist ihre Daseinsweise und unabdingbare Eigenschaft. Epikur bestimmte den senkrechten Fall als die grundlegende, naturgemäße Urform der Bewegung.


Aber wie sollte es in Anbetracht der wohlgeordneten regulär-linearen Fallbewegung zur Bildung von Atomverbindungen kommen? Infolge einer Abweichung der Atome von der Senkrechten um ein Minimum kommt es nach Epikur zu den verschiedenen Bewegungsformen, die aus dem Zusammenprall und der folgenden Repulsion der Atome hervorgehen. Diese Abweichung der Atome ist die Ursache der Weltenbildungen, zugleich soll sie die Willensfreiheit des Menschen erklären.

Erkenntnistheoretisch vertrat Epikur im Wesentlichen die Abbildtheorie. Im Gegensatz zu Demokrit sah er die Sinnesempfindungen nicht als zweitrangig an. Da die Wahrnehmung für ihn das einzige Wahrheitskriterium darstellt, ist sie auch das Kriterium für die Schlussfolgerungen über solche Dinge, die nicht unmittelbar wahrgenommen werden, wenn nur diese Schlussfolgerungen nicht im Widerspruch zu den Angaben der Wahrnehmung stehen. Deshalb ist die logische Folgerichtigkeit eine wichtige Bedingung der Wahrheit.

Die Hochschätzung Epikurs für ein den Gesetzen der Logik verpflichtetes Handeln lässt sich daran ermessen, dass er es als Merkmal des Weisen bezeichnete, lieber mit einem Plan zu scheitern als zufallsbedingt erfolgreich zu sein: „Denn es sei schöner, dass, wenn man etwas tut, die richtige Entscheidung nicht zum Erfolg führt, als dass die falsche Entscheidung durch Zufall zum Erfolg führt.“[1]

Ethik

Epikurs Ethiklehre zielt im Kern auf Erhöhung und Verstetigung der Lebensfreude durch den Genuss eines jeden Tages, womöglich jeden Augenblicks, wie es das Motto des Horaz: carpe diem (pflücke den Tag) besagt. Dazu gilt es, alle Beeinträchtigungen des Seelenfriedens zu vermeiden bzw. zu überwinden, die aus Begierden, Furcht und Schmerz erwachsen können. Die Lust am Leben stetig auszukosten, macht die Kunst des epikureischen Weisen aus.[2]

Das epikureische Lustprinzip

Die innere Logik der epikureischen Lehre wird u.a. in der Begründung der zentralen Stellung von Lust und Lebensfreude deutlich, wie sie Cicero wiedergegeben hat. Demnach gibt die noch durch keinerlei soziale Konditionierung geprägte frühkindliche Wahrnehmung die natürliche Richtung menschlichen Strebens an: Lust suchen (und ggf. lautstark einfordern) – Unlust vermeiden. Dieser Primat liege für Epikur so auf der Hand, dass dafür kein sonderlicher Begründungsaufwand getrieben werden müsse: „Er meint, man spüre dies, wie man fühle, dass das Feuer wärmt, der Schnee kalt und der Honig süß ist.“[3] Die starken Schwankungen, denen das kindliche Lust- und Glücksempfinden ausgesetzt ist, können in der Jugend durch das Hinzukommen vernunftgegründeter Einsicht (Phronesis) unter Kontrolle gebracht und allmählich in stetigere Bahnen gelenkt werden. Einsicht und stabile Daseinslust bedingen einander: Die Phronesis weist in der Art eines Lust-Unlust-Kalküls (Euringer, S. 64) den Weg zu einem Höchstmaß an Lebensfreude und zur Vermeidung von Unlust. Ohne diese Funktion und Ausrichtung aber wäre die Fähigkeit, vernünftig zu denken aus der Sicht Epikurs nutzlos, wie er mit einer Spitze gegen die philosophische Konkurrenz in dem Brief an Menoikeus ausgeführt hat: „Daher ist die Einsicht sogar wertvoller als die Philosophie: ihr entstammen alle übrigen Tugenden, weil sie lehrt, dass es nicht möglich ist, lustvoll zuleben, ohne einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ebenso wenig, einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ohne lustvoll zu leben.“ [4] Maßgebliche Bedeutung für das Verständnis des epikureischen Lustprinzips hat nicht zuletzt die Unterscheidung zwischen katastematischer Lust (im Sinne anhaltender Daseinslust) und kinetischer Lust (im Sinne der Lustvariation) [5]. Letztere hat dann und nur dann ihre Berechtigung, wenn sie in der Art der Ausübung bzw. des Ausgelebt-Werdens die Daseinsfreude nicht am Ende beeinträchtigt. Umgekehrt aber muss und wird es der Lebensfreude des sattelfesten Epikureers keinen Abbruch tun, wenn es an der Gelegenheit zur Lustvariation fehlt.

Die Überwindbarkeit von Furcht, Schmerz und Begierden als Widersachern der Lebensfreude

Furcht, Schmerz und Begierden sind für Epikur die drei großen Klippen, die umschifft werden müssen, damit dauerhaft Lebenslust und Seelenruhe herrschen können. Bezüglich der Furcht sind es vor allem zwei Motive, mit denen Epikur sich auseinandersetzt: Furcht vor den Göttern und Todesfurcht.

Das in den homerischen Epen überlieferte Bild von Göttern, die in menschliche Geschichte eingreifen und denen Naturgewalten oder Naturerscheinungen zugeordnet werden, verwirft Epikur vollständig. Die in seiner Vorstellung existierenden Götter sind von der menschlichen Welt gänzlich getrennt und in ihrer ewigen Glückseligkeit durch weltliches Treiben ungestört. Als Quelle von Furchtsamkeit können sie folglich außer Betracht bleiben.

Gleiches gilt für den Tod, weil er nach Epikur gar keinen Anteil am individuell erfahrbaren Leben hat. An Menoikeus schrieb er[6]: {{#if:

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„Gewöhne dich daran zu glauben, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat. Denn alles, was gut, und alles, was schlecht ist, ist Sache der Wahrnehmung. Der Verlust der Wahrnehmung aber ist der Tod. Daher macht die richtige Erkenntnis, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat, die Vergänglichkeit des Lebens zu einer Quelle der Lust, indem sie uns keine unbegrenzte Zeit in Aussicht stellt, sondern das Verlangen nach Unsterblichkeit aufhebt. […] Das schauerlichste aller Übel, der Tod, hat also keine Bedeutung für uns; denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht da.“

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Anders als der Tod im Sinne Epikurs gehören Schmerzen normalerweise zur sinnlich wahrnehmbaren Erfahrung eines jeden Menschen. Doch auch in ihnen sah Epikur keine ernsthafte Gefahr für die Daseinslust. Im vierten Hauptlehrsatz[7] heißt es: „Der Schmerz bleibt nicht lange ununterbrochen im Fleisch, sondern der äußerste dauert ganz kurze Zeit, derjenige, der das Lustvolle im Fleisch bloß überwiegt, tritt nicht viele Tage auf, und bei den Langzeitleiden dominiert das Lustbetonte im Fleisch über den Schmerz.“

Realitätsnähe und Deutung dieser Setzungen erschließen sich dem heutigen Interpreten nicht zweifelsfrei[8]. Den wichtigsten Hinweis auf den Sinn des Gemeinten hat Epikur noch selbst gegeben, indem er die Schmerzen eines Nierensteinleidens in den beiden Wochen vor seinem Tod gelassen und in heiterer Stimmung ertrug. In seinem Abschiedsbrief an Idomeneus heißt es: „Den seligen und zugleich letzten Tag meines Lebens verbringend, schreibe ich euch diese Zeilen. Ich werde von Harn- und Ruhrbeschwerden verfolgt, die keine Steigerung der Größe mehr zulassen. All dem aber steht gegenüber die Freude der Seele über die Erinnerung an die von uns geführten Gespräche.“[9]

Das im praktischen tagtäglichen Leben wichtigste Bewährungsfeld dürfte für Epikur und seine Anhänger der Umgang mit den Begierden und Gelüsten gewesen sein, mit dem also, was heute in den mehr oder minder weit gefassten Rahmen der menschlichen Bedürfnisse gerechnet wird. Epikur unterschied wiederum drei Kategorien: „Die Begierden sind teils natürlich und notwendig, teils natürlich und nicht notwendig, teils weder natürlich noch notwendig, sondern durch leere Meinung begründet.“[10]

Nur die Erfüllung von Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken und Kälteschutz galt Epikur als unabdingbar für den Genuss des Daseins. Die sexuelle Lust gehörte dagegen bereits seiner zweiten Kategorie an: natürlichen Ursprungs, aber nur in Maßen der katastematischen Lust dienlich und im Zweifel durchaus verzichtbar. Luxusbedürfnisse aber (bzw. Bedürfniserzeugung im Sinne heutiger Bedarfsweckungswirtschaft) gründen letztlich – der dritten Kategorie Epikurs entsprechend – in „leerer Meinung“, d.h. in Unvernunft, und können schädliche Abhängigkeiten zur Folge haben[11]: "Auch die Unabhängigkeit von äußeren Dingen halten wir für ein großes Gut, nicht um uns in jeder Lage mit Wenigem zufrieden zu geben, sondern um, wenn wir das Meiste nicht haben, mit Wenigem auszukommen, weil wir voll davon überzeugt sind, dass jene, die den Überfluss am meisten genießen, ihn am wenigsten brauchen, und dass alles Natürliche leicht, das Sinnlose aber schwer zu beschaffen ist und dass eine einfache Brühe die gleiche Lust bereitet wie ein üppiges Mahl […] und dass Wasser und Brot die höchste Lust bereiten, wenn man sie zu sich nimmt, weil man Hunger hat. Die Gewöhnung an einfache und nicht üppige Nahrung dient also einerseits in jeder Hinsicht der Gesundheit und nimmt andererseits auch dem Menschen die Sorgen angesichts der Grundbedürfnisse des Lebens, stärkt uns, wenn wir uns in Abständen an üppige Tafeln begeben, und macht uns furchtlos gegenüber dem Schicksal."

Das „vierfache Heilmittel“ und weitere Verhaltensregeln

Mit Berufung auf die Überlieferungen durch Cicero und Plutarch ist es in der neueren Forschung gängig geworden, die epikureische Lehre als ein Therapieangebot zur Erlangung des Seelenfriedens (Ataraxia) bzw. eines seelischen Gleichgewichtszutands anzusehen[12]. Als wichtigstes Therapeutikum fungiert demnach das Tetrapharmakon[13](„vierfaches Heilmittel“) mit der Formel[14]: "Wenn uns nicht die Vermutungen über die Himmelserscheinungen und die angstvollen Gedanken über den Tod, als ob er uns irgendetwas anginge, ferner die mangelnde Kenntnis der Grenzen von Schmerzen und Begierden belastete, brauchten wir keine Naturphilosophie." Dieser Lehrsatz bündelt die oben angeführten Aspekte und betont zugleich den Gesamtzusammenhang der Philosophie Epikurs.

Für die Alltagsgestaltung der Epikureer waren darüber hinaus weitere Dogmen maßgeblich, die einerseits ihre individuelle Lebensführung betrafen und andererseits das Gemeinschaftsleben. So heißt es in den Hauptlehrsätzen mit individuellem Bezug u.a., dass es nicht viel bedürfe, um unserer menschlichen Natur mit dem Notwendigen zu genügen; nur dem, der sich auf darüber Hinausgehendes fixiere, eröffne sich ein praktisch unbegrenztes Feld von die Seelenruhe beeinträchtigenden Wunschvorstellungen und Strebungen (Nr. 15 in der Überlieferung des Diogenes Laertios). Der Grundbedarf für ein leidensfreies Leben sei leicht zu beschaffen; niemand benötige also Dinge, um die er erst kämpfen müsste (Nr. 21). Wer sich nicht in jeder Lebenssituation die seiner Natur entsprechenden Ziele setze, werde nicht zu einer Übereinstimmung zwischen Denken und Handeln gelangen (Nr. 25). Da ein Weiser alle wichtigen Angelegenheiten des Lebens vernünftig bedacht habe und ordne, könne er allenfalls in Kleinigkeiten durch Zufälle überrascht werden (16). Der Freitod als Möglichkeit in auswegloser Lage, scheint angesprochen zu sein in dem Satz: “Der Zwang ist schlimm; doch es besteht kein Zwang, unter Zwang zu leben.“[15]

Zweck und Gestaltung sozialer Beziehungen

Das individuelle Seelenheil und wie es zu erlangen sei, steht im Zentrum der ersten 30 Hauptlehrsätze, wie sie von Diogenes Laertios überliefert wurden. Das letzte Viertel aber ist Fragen der gesellschaftlichen Ordnung gewidmet und der Rolle des Epikureers in ihr[16]:{{#if:

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„Das der menschlichen Natur entsprechende Recht ist eine Vereinbarung über das Mitel, mit dem verhindert wird, dass sich Menschen gegenseitig schädigen oder schädigen lassen.“

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Ohne eine solche vertragliche Grundlage gebe es weder Recht noch Unrecht (Nr. 32). Besonderheiten in verschiedenen Ländern seien in der Ausgestaltung der Rechtsordnung zu berücksichtigen (Nr. 36), außerdem Anpassungen an veränderte Voraussetzungen vorzunehmen. (Nr. 37 und 38), damit das geltende Recht tatsächlich dem allgemeinen Nutzen diene.

Die von Epikur favorisierte Haltung des Einzelnen gegenüber dem gesellschaftlichen Umfeld ergibt sich aus dem 39. Hauptlehrsatz“[17] "Wer seine Angelegenheiten am besten gegen die Bedrohungen von außen geordnet hatte, machte sich mit allem, was er beeinflussen konnte, vertraut. Was er aber nicht beeinflussen konnte, blieb ihm wenigstens nicht fremd. Wo ihm aber auch dies unmöglich war, vermied er jeden Kontakt und bemühte sich darum, alles zu tun, was dazu nützlich war. Die von Plutarch[18]überlieferte Losung „Lebe im Verborgenen!“ (λάθε βιώσας), galt demnach nicht unter allen Umständen: Wo Epikureer ihre Belange erfolgreich zur Geltung bringen konnten, sollte das auch geschehen. Aber anderseits „erwächst doch die deutlichste Sicherheit aus der Ruhe und dem Rückzug vor den Leuten.“[19]

Die Freundschaft war für Epikur die der Daseinsfreude am meisten förderliche Art der zwischenmenschlichen Beziehung: „Von allem, was die Weisheit für die Glückseligkeit des ganzen Lebens bereitstellt, ist der Gewinn der Freundschaft das bei weitem Wichtigste.“[20] Sie hatte ihren Wert vielleicht nicht allein in der wärmenden Mitmenschlichkeit an sich, sondern auch als ein Stärkungsmittel Epikurs und seiner Schüler gegen Anfeindungen von außen. Und so diente der Kepos auch wesentlich als Rückzugsraum befreundeter Menschen, die einander durch Weltanschauung und die darauf gegründete Lebenspraxis verbunden waren. Von Ehe und Nachkommenschaft hielt Epikur dagegen wie Demokrit nicht viel. Wahrscheinlich betrachtete er sie als mögliche Störquelle der Seelenruhe.[21] Ebenfalls verfehlt, weil den Seelenfrieden gefährdend, erschien ihm die Ausübung politischer Ämter. Stattdessen galt: „Man muss sich selbst aus dem Gefängnis der üblen Geschäfte und der Politik befreien.“ [22]

Wirkungsgeschichte

Einfluss Epikurs in der Römischen Antike

Der Epikureismus existierte über den Hellenismus hinaus auch im Römischen Reich, wo er bis zum 2. Jahrhundert großen Einfluss hatte. In einer der großen Dichtungen der Antike hat Lukrez in seinem Lehrgedicht "Von der Natur der Dinge" den Epikureismus in anschaulicher und bilderreichen Sprache dargestellt und popularisiert. Auch der Dichter Horaz vertrat den Epikureismus. Soweit in der römischen Antike atheistische Positionen vertreten wurden, bezogen sie sich meist auf Epikur.

Verfemung Epikurs im Mittelalter und sein Einfluss auf Denker der Neuzeit

Epikur, den spätere Gegner seiner Philosophie als das große Schwein bezeichneten, stieß mit seiner persönlichen Lebensführung weder bei den Zeitgenossen auf Kritik noch bei denen, die sich biographisch mit ihm befasst haben. Umso verhasster wurde seine Lehre mit dem Erstarken des Christentums, da er jegliches göttliche Eingreifen in den Lauf der Welt, jede Furcht vor göttlicher Strafe und jede Hoffnung auf göttlichen Lohn zum Aberglauben erklärt hatte. Die Philosophie Epikurs wurde daher von christlicher Seite erbittert verfolgt und schließlich völlig unterdrückt.

Seine Lehre wurde vergröbert und verfälscht. Dies und zahlreiche unzutreffende Unterstellungen seiner Gegner führten dazu, dass Epikur bis in die Neuzeit verpönt war. Während des Mittelalters galt er lange Zeit als der Antichrist schlechthin. Noch Dante Alighieri lässt Epikur in seiner "Göttlichen Komödie" (1307–1321) als „Erzketzer“ im 6. Kreis der Hölle in einem weißglühenden Eisensarg brennen. Heute ist die Forschung bemüht, das Zerrbild Epikurs und seiner Lehre vom historischen Epikur zu trennen.

Gab es schon im Mittelalter entsprechende Ansätze, so wurde im 17. Jahrhundert die Atomistik Epikurs von Galileo Galilei, Pierre Gassendi, Robert Boyle, Christian Huygens, Isaac Newton, John Dalton und anderen bewusst aufgegriffen. Ebenfalls mit der Physik Epikurs befasste sich Karl Marx in seiner 1841 erschienenen Dissertation.

Auch die epikureische Ethik und Gesellschaftstheorie hat einen beachtlichen Einfluss auf das philosophische Denken der Neuzeit ausgeübt. Bei Thomas Hobbes, Samuel Pufendorf und anderen wird die epikureische Lehre vom Gesellschaftsvertrag zur Grundlage der gesamten modernen Staatstheorie. Denn bei Epikur findet sich nach Karl Marx "zuerst die Vorstellung [...], dass der Staat auf einem gegenseitigen Vertrage der Menschen, einem contract social [...] beruhe".

Epikur zugeschriebene Formulierung des Theodizeeproblems

Der Kirchenschriftsteller Laktanz überliefert ein prägnantes, berühmt gewordenes Argument gegen die Theodizee, das er Epikur zuschreibt. Es besagt, dass Gott entweder nicht allmächtig oder nicht wohlwollend ist, da sonst die Übel in der Welt nicht bestehen könnten. Dieses Zitat stammt allerdings in Wirklichkeit weder von Epikur noch aus seiner Schule, sondern von einem unbekannten Philosophen der skeptischen Richtung.[23]

Siehe auch

Ataraxie, Atomlehre, Epikureer, Epikureismus, Erkenntnislehre, Eudämonismus, Sensualismus

Literatur

Quellenausgaben

  • Epikur, Wege zum Glück, herausgegeben und übersetzt von Rainer Nickel, Patmos, Artemis &Winkler: Düsseldorf/Zürich, 2005, ISBN 3-7608-4115-5
  • Epikur, Briefe, Sprüche, Werkfragmente, übersetzt und herausgegeben von Hans-Wolfgang Krautz, Stuttgart: Reclam, 1980, ISBN 3150099846 (griechischer Text, deutsche Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort).
  • Epikur, Philosophie der Freude, eine Auswahl aus seinen Schriften. Übersetzt, erläutert und eingeleitet von Johannes Mewaldt, Stuttgart: Kröner, 1973, ISBN 3520198053

Sekundärliteratur

  • Heinz-Michael Bartling: Epikur: Theorie der Lebenskunst, Cuxhaven: Junghans, 1994, ISBN 3-926848-39-1
  • Martin Euringer: Epikur. Antike Lebensfreude in der Gegenwart, Stuttgart: Kohlhammer 2003, ISBN 3-17-0117957-8
  • Carl-Friedrich Geyer: Epikur zur Einführung, Hamburg: Junius, 2000, ISBN 388506328X
  • Malte Hossenfelder: Epikur, München: Beck, 1991, ISBN 3406346324
  • Josef M. Werle: Epikur für Zeitgenossen. Ein Lesebuch zur Philosophie des Glücks, München: Goldmann, 2002, ISBN 3-442-07741-9

Einzelnachweise

  1. Brief an Menoikeus, zit.n. Nickel 2005, S.121
  2. Bartling 1994, S.77, und ihm folgend Euringer 2003, S. 54, haben hervorgehoben, dass der griechische Begriff „hedone“ im Sinne Epikurs nicht einheitlich mit „Lust“ ins Deutsche zu übertragen ist, sondern dass (analog der Unterscheidung von katastematischer und kinetischer Lust bei Epikur, siehe nachfolgend: „Das epikureische Lustprinzip“) auch „Lebensfreude“ und entsprechende Equivalente je nach Sinnzusammenhang nötig sind.
  3. Cicero, De finibus, zit.n. Nickel 2005, S.40
  4. Krautz 1980, zit.n. Euringer S. 70
  5. vgl. Euringer S. 64f.; Nickel 2005, S. 149/173; abweichend: Hossenfelder, S. 68ff.
  6. zit.n. Nickel 2005, S. 117
  7. zit.n. Hossenfelder S. 95
  8. vgl. Hossenfelder, S. 95; Werle, S. 325; Euringer, S. 63f.,
  9. zit.n. Hossenfelder, S.29
  10. 29. Hauptlehrsatz, zit.n. Nickel 2005, S. 129
  11. Brief an Menoikeus, zit.n. Nickel 2005, S. 119f.
  12. Bartling, S. 29; Euringer, S. 54; Werle, S. 299
  13. Statt „Tetrapharmakos“ (weibl.), wie Bartling, S.29, begründet herleitet, steht hier die grammatisch weniger iritierende Form „Tetrapharmakon“.
  14. 11. Hauptlehrsatz, zit.n. Nickel 2005, S. 126f.
  15. Gnomologium Vaticanum Nr. 9, zit.n. Nickel 2005, S.135; zur Deutung vgl. Werle, S.325; Nickel 2005, S. 171f.
  16. 31. Hauptlehrsatz, zit.n. Nickel 2005, S.129
  17. zit.n. Nickel 2005, S. 131
  18. Plut. mor. 1128ff.
  19. 14. Hauptlehrsatz , zit.n. Nickel 2005, S. 126
  20. 27. Hauptlehrsatz, zit.n. Nickel 2005, S. 129
  21. Die Überlieferungsfragmente 41 (Diog. Laert. 10,119) und 127 (Clem. Alex. Strom. 2, 138, 3 / 4) lassen diese Einstellung deutlich hervortreten. Nickel 2005, S. 186, kommentiert: „Der Verzicht auf Ehe und Kinder hat seinen Grund in der Verweigerung einer lustfeindlichen Fürsorge für Ehefrau und Kinder.“
  22. Gnomologium Vaticanum, Nr. 58, zit.n. Nickel 2005, S. 141
  23. Reinhold F. Glei: Et invidus et inbecillus. Das angebliche Epikurfragment bei Laktanz, De ira dei 13,20-21, in: Vigiliae Christianae 42 (1988), S. 47-58; Arthur Stanley Pease (Hrsg.): M. Tulli Ciceronis De natura deorum. Libri secundus et tertius, Cambridge (Mass.) 1958, S. 1232f.

Weblinks


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