Ablass

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Ablass (lat. indulgentia) bezeichnet einen von der römisch-katholischen Kirche angebotenen und von der evangelischen Theologie seit Martin Luther bestrittenen Gnadenakt, durch den zeitliche Sündenstrafen erlassen werden sollen. Die Sünden selbst werden entgegen einer weit verbreiteten Meinung durch einen Ablass nicht vergeben.

Zur Geschichte des Ablasswesens

Der Ablass wurde oft in Tagen oder Jahren bemessen – damit waren Tage der Buße gemeint. Doch wurden diese mit der Zeit auf Tage, Jahre oder Jahrhunderte im so genannten Fegfeuer, einer Spezialität römisch-katholischer Glaubenslehre, übertragen. Eine Fortentwicklung der Ablasspraxis bestand darin, dass nicht nur für sich selbst, sondern stellvertretend auch für Verstorbene Ablässe erworben werden konnten.

Besonders der wegen seines ausschweifenden Lebensstils ständig verschuldete Papst Leo X. Medici trieb die Praxis auf die Spitze. Ablassbriefe wurden in ganz Europa wie Wertpapiere gehandelt. Der wohl berühmteste Ablassprediger Deutschlands, der im Magdeburger Gebiet wirkende Dominikanermönch Johann Tetzel, wurde zu einem Auslöser der Reformation. Martin Luther sah im geschäftsmäßigen Handel mit Ablassbriefen einen krassen Missbrauch, der ihn zur Publikation von 95 Thesen veranlasste. Seine theologischen Argumente legten die Basis für eine grundlegende Bestreitung des Ablasswesens.

Pius V. verfügte schließlich 1570 die Exkommunikation für jene, die mit Ablässen Handel trieben. Noch in dem bis 1983 gültigen Codex Iuris Canonici von 1917 war der Ablasshandel mit der Exkommunikation belegt. Wesentliche Inhalte der Lehre vom Ablass sind jedoch bis heute nicht tangiert worden.

Die kirchliche Ablass-Lehre

Ablass bedeutet, so lautet die offizielle kirchenrechtliche und dogmatische Definition, den Nachlass zeitlicher Strafen vor Gott für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist; ihn erlangt der entsprechend disponierte Gläubige unter bestimmten festgelegten Voraussetzungen durch die Hilfe der Kirche, die im Dienst an der Erlösung den Schatz der Sühneleistungen Christi und der Heiligen autoritativ verwaltet und zuwendet.

Der Ablass kann vollkommen oder unvollkommen sein. Ein vollkommener Ablass bedeutet den Erlass aller zeitlichen Sündenstrafen, was im Todesfall zur sofortigen Gottesschau führt, ohne den Zwischenzustand der Läuterung im Fegfeuer durchlitten zu haben. Ein unvollkommener Ablass besteht in einem Erlass zeitlicher Sündenstrafen sowie einer Milderung oder Kürzung des Fegfeuers.

Unter „zeitlichen Sündenstrafen“ wurden ursprünglich die einem Menschen bei der Sündenvergebung spürbar und sichtbar auferlegten befristeten Kirchenstrafen verstanden. In der noch heute gängigen traditionellen Anschauung gelten sie als die „Zeit“, die ein Verstorbener im Fegefeuer verbringt, bevor er in den Himmel gelangt. Eine neuere Interpretation sieht sie als unmittelbare, im Diesseits abzubüßende Folgen der sündigen Tat (Leistungen zur Wiedergutmachung, Erdulden der Konsequenzen der Tat, etwa körperliche Beeinträchtigung, Vertrauensentzug der geschädigten Person, seelische Schäden, Zerknirschung des Täters). Inwieweit freilich ausgerechnet ein erlangter Ablass "zwischenmenschliche" Folgen aufheben kann, bleibt unklar.

Jedenfalls ist die Sünde vergeben, ihre Folgen sind aber nicht aus der Welt. Der Büßer ist darum aufgerufen, diese auf seinem Leben liegende Last zu verringern, seine Schuld zu sühnen und Wiedergutmachung zu leisten.

Kritik

Die gängige und offenbar seit Jahrhunderten gegen Einwände resistente Ablasslehre schränkt die Auffassung von der menschlichen Existenz in der irdischen und in der jenseitigen Welt auf einen Teilaspekt ein, auf das Lohn-Strafe-Modell. Auch ist der Ablasslehre ein „Geschäftsdenken“ zu eigen, zumal „gute Werke“ mit Sündenstrafen "verrechnet" werden. Zwar ist der Gewinn eines Ablasses gegenwärtig kaum mehr an pekuniäre Leistungen gebunden. Doch subsumiert die herrschende Doktrin nach wie vor das religiöse Leben einem bestimmten "Rechenmodell": Für jedes Gebet, jede gute Tat und sogar jeden frommen Gedanken soll es eine „Zugabe“ aus dem Schatz Christi und der Heiligen geben. Hier ist die Gefahr nicht gebannt, dass Gott zu einer Art "Oberster Erbsenzähler" herabgewürdigt wird, der nichts Besseres zu tun hat, als jedes Detail an guten wie an bösen Werken nachzuverfolgen.

Zudem maßt sich eine kirchliche Administration, verkörpert durch den Papst, an, den so genannten „Gnadenschatz“ (auch dies ein von Rechenkünsten nicht freies Modell) nach eigenem Gusto und nach Regeln, die sie selbst erstellt hat, „verwalten“ und „verteilen“ zu dürfen. Damit greift sie Gottes Gerechtigkeit vor.

Der "Gewinn" eines Ablasses

Zu jedem Ablass gehören entsprechende Busswerke (in der Regel Gebete). Nur getaufte Katholiken im „Stand der Gnade“ können einen Ablass erlangen. Um einen vollkommenen Ablass zu gewinnen, müssen sie außerdem „frei von jeder Anhänglichkeit“ auch an lässliche Sünden sein. Besondere Bedeutung besitzt bis heute der Allerseelenablass, ein vollkommener Ablass. Zu bestimmten Anlässen wird ein vollkommener Ablass gewährt, so beim 20. Weltjugendtag in Köln. Auch mit dem päpstlichen Segen Urbi et Orbi ist ein vollkommener Ablass für alle, die ihn hören oder sehen und die guten Willens sind, verbunden. Wurde zunächst für diesen Empfang die Anwesenheit auf dem Platz oder in Sichtweite des Spenders verlangt, so kann der Segen seit 1967 auch über Radio, seit 1985 über das Fernsehen und seit 1995 über das Internet gültig empfangen werden.

Das Verzeichnis der gegenwärtig zu erlangenden Ablässe

Das so genannte Enchiridion indulgentiarum ist das vom Hl. Stuhl autorisierte, im Netz einzusehende Gesamtverzeichnis aller gültigen Ablässe. Zurzeit ist die 4. Ausgabe aus dem Jahr 1999 in Kraft. Sie enthält unter hundert anderen z. B. Ablässe, die für die Teilnahme an der Fronleichnamsprozession oder an einer Erstkommunionfeier oder für den Besuch römischer Katakomben ausgeschrieben sind.

Zitate

"Die Lehre, dass man kirchliche Bussstrafen in Strafen des Fegfeuers umwandeln könne, ist ein Unkraut, das augenscheinlich gesät wurde, als die Bischöfe schliefen" (Martin Luther).

"Der Papst ist heute vermögender als der reichste Crassus" (Martin Luther).

Literatur

Reinhard Brandt: Lasst ab vom Ablass. Ein evangelisches Plädoyer. Göttingen 2008.

Nikolaus Paulus: Geschichte des Ablasses im Mittelalter. Vom Ursprunge bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts. Bd. 1 und 2. 1922. Darmstadt 2000.

Nikolaus Paulus: Geschichte des Ablasses am Ausgang des Mittelalters. 1903. Darmstadt 2. Aufl. 2008.