Baha'i

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Bahai oder Baha’i ist der Name einer im 19. Jahrhundert aus dem Milieu des schiitischen Islam hervorgegangenen Religionsgemeinschaft. Ihr Gründer ist der am 12. November 1817 in Teheran (Persien oder Iran) geborene Husain ‘Ali Nuri, der sich selbst Baha’u’llah (auch Baha Allah) – »Herrlichkeit Gottes« – nannte. Die Baha’i nennen ihre Religionsgemeinschaft unter Berufung auf ihren Stifter Baha’i-Religion (din-i Baha’i, engl. Baha’i Faith); in der Literatur und Wissenschaft ist auch die Bezeichnung Baha’ismus oder Baha’itum (Baha’iya, engl. Bahaism) gebräuchlich. Verwendung findet auch die vereinfachte Schreibweise Bahai.

Geschichte und Entwicklung

Ursprung im Babismus

Dem Baha’ismus unmittelbar vorausgegangen ist der Babismus, der seinerseits aus der schiitischen Sekte der Shaikhi (Shaikhiya) [1] hervorging. Diese vertrat mit besonderer Intensität den Glauben an die Wiederkunft (raj‘a) des seit dem 10. Jahrhundert »verborgenen [zwölften] Imam« (imam al-gha‘ib) der Schiiten, der mit seinem Erscheinen als der Imam Mahdi den Endsieg des Islam und dessen weltweite Herrschaft herbeiführen wird.

‘Ali Muhammad Shirazi (geb. 20. Oktober 1819) – der nachmalige Gründer des Babismus – war ein Anhänger der eschatologischen Shaikhi-Sekte. Am 22. Mai 1944 verkündete er in seiner Heimatstadt Shiraz, das »Tor« (al-bab) zu diesem endzeitlichen Mahdi (»der Rechtgeleitete«) zu sein. Seine Botschaft von der baldigen Erfüllung der seit gut tausend Jahren schwelenden Messias-Sehnsucht fiel in seiner persischen (iranischen) Heimat auf fruchtbaren Boden. Gleichzeitig provozierte sie aber auch den Widerstand der orthodoxen Schiiten, die sich dem Anspruch ‘Ali Muhammads widersetzten. Nachdem die im Land um sich greifende religiöse Erregung zu überborden drohte, wurde ‘Ali Muhammad – fortan bekannt unter dem Namen al-Bab – 1846 verhaftet, kurze Zeit später aber wieder freigelassen. 1847 erfolgte seine erneute Inhaftierung, die bis zu seinem Lebensende (1850) dauerte.

Während der Haft (Anfang 1848) gab ‘Ali Muhammad al-Bab seinen Anspruch, ein Herold des Imam Mahdi zu sein, preis und verkündete nun, selbst der »Verheissene« (al-qa’im) [2] zu sein. Sein neues Sendungsbewusstsein, aber auch die sich verschärfende Gegnerschaft der Schiiten veranlasste ihn schließlich, zum offiziellen Islam mehr und mehr auf Distanz zu gehen.

Al-Bab verfasste zahlreiche Schriften, unter denen der Bayan (»Erklärung«) an Bedeutung herausragt. Es ist das neue Gesetzbuch der Babi – der Anhänger seiner Lehre – und damit eine Art Gegenstück zum islamischen shari‘a-Recht. Große Bedeutung wird in diesem und anderen Werken auch dem »Heiligen Krieg« (jihad) gegen die Feinde des neuen Glaubens beigemessen [3]. Ebenso ist die Gründung eines theokratisch regierten Babi-Staates innerhalb der Grenzen Irans gefordert, in dem alle Fremdgläubigen zu entrechten, zu enteignen und auszuweisen sind [4]. In den Monaten Juni/Juli 1848 wurde auf einem Konvent zu Badasht (Provinz Mazandaran) die Verselbstständigung der babistischen Lehre (Babismus) und damit die Loslösung vom Islam offiziell vollzogen. Gleichzeitig sahen al-Babs Anhänger den Zeitpunkt für gekommen, die eigene Staatsgründung und den Heiligen Krieg gegen ihre Widersacher in Angriff zu nehmen [5]. Von 1848 bis 1853 kam es an verschiedenen Schauplätzen zu heftigen kriegerischen Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht, die allesamt aber niedergeschlagen wurden [6]. Ein im August 1852 verübtes Attentat auf den Herrscher des Landes, Nasir’ud-Din Shah, schlug ebenfalls fehl. Doch ein Jahr später (Anfang 1853) wurde der Gouverneur der Provinz Nayriz, Zayn-al ‘Abadin Khan, bei einem Anschlag getötet. In den Aufständen und den nachfolgenden Wirren kamen rund 2,000 bis 3,000 Glaubenskämpfer zu Tode [7]; eine Zahl, die von den Babi und den späteren Baha’i auf »über 20,000« beziffert wird. Auf dem Höhepunkt der Kämpfe wurde ‘Ali Muhammad al-Bab am 9. Juli 1850 in Tabriz öffentlich füsiliert.

Entstehung und Entfaltung des Baha’ismus

Zu seinem Nachfolger bestimmte al-Bab den erst 19-jährigen Yahya Nuri Subh-i Azal (geb. um 1831). Zusammen mit seinem älteren Halbbruder Husain ‘Ali Nuri – dem späteren, unter dem Namen Baha’u’llah bekannten Stifter des Baha’ismus – begab er sich Ende 1852/Anfang 1853 nach Bagdad (Irak) ins Exil, das damals zum Osmanischen Reich gehörte. Das Bagdader-Exil dauerte zehn Jahre lang und war geprägt von chaotischen Zuständen und innergemeinschaftlichen Rivalitäten. Dies veranlasste Husain ‘Ali, die Führung der desolaten Gemeinschaft an sich zu nehmen und Subh-i Azal in den Hintergrund zu drängen [8]. Die hervorgehobene Stellung Subh-i Azals als anerkanntes Oberhaupt der Babi-Gemeinschaft blieb davon jedoch unberührt. [9]

Im Frühjahr 1863 beschloss die Osmanische Regierung die weitere Exilierung der Babi-Führer nach Istanbul. Kurz vor der Abreise, am 21. April 1863, bekundete Husain ‘Ali Baha’u’llah im Garten Ridvan zu Bagdad einem engen Kreis von Vertrauten (unter Ausschluss des Babi-Oberhauptes Subh-i Azal), dass er der von al-Bab »Verheißene« sei, d.h. der, »den Gott wird erscheinen lassen« (man yuzhiruh’ullah). Für die Baha’i markiert diese Begebenheit den Beginn der vorerst noch verborgen gehaltenen Selbstoffenbarung Baha’u’llahs. Die Berichte über diese »Ridvan-Erklärung« sind allerdings unzureichend [10] und historisch kaum greifbar.

Das Exil der Babi-Führer und ihrer Entourage in Istanbul dauerte nur vier Monate (August bis Dezember 1863). Es erfolgte die Verbringung nach Edirne, auf europäischem Boden. Hier verschärfte sich der Jahre dauernde Brüderzwist zwischen Husain ‘Ali Baha’u’llah und Subh-i Azal; ein Konflikt, der auch von Gewalttaten unter den zerstrittenen Kontrahenten begleitet war [11]. Im Frühjahr 1866 machte Baha’u’llah seinen drei Jahre zuvor noch insgeheimen prophetischen Anspruch erstmals öffentlich geltend, indem er sich als neue Offenbarung Gottes zu erkennen gab. Subh-i Azal machte seinerseits geltend, dass er der von al-Bab berufene Führer der Gemeinschaft sei. Gleichzeitig verwies er auf den Bayan, in dem das Erscheinen des »Verheißenen« vor Ablauf von mindestens tausend Jahren ausgeschlossen wird [12]. Doch die Verkündigung Baha’u’llahs, dass sich Gott bereits in der Gegenwart und in seiner Person offenbart habe, hatte gegenüber nur vagen Zukunftshoffnungen eine weitaus größere Attraktion und Wirkkraft. In der Folge liefen die meisten Babi zu Baha’u’llah über, dieweil Subh-i Azal nur noch eine geringe Zahl ergebener Anhänger auf sich vereinigen konnte. Die numerisch kleine altbabistische Gemeinschaft ist heute unter den Bezeichnungen Bayani, Azali oder Azaliya bekannt.

Nachdem der Streit auch nach der Spaltung in Baha’i und Azali kein Ende fand, beschloss die osmanische Regierung, die beiden Kontrahenten zu trennen (August/September 1868). Sie verschickte Subh-i Azal nach Famagusta (Zypern) und Baha’u’llah nach Akka (Palästina). Die zum Teil gewalttätig geführten Auseinandersetzungen fanden aber auch dort ihre Fortsetzung [13]. In Akka wurde der des Hochverrats beschuldigte Baha’u’llah zunächst inhaftiert. Es folgten sieben Jahre Hausarrest (1870-1877). Nach einem kurzzeitigen Aufenthalt in Mazra‘a bezog er schließlich in Bahji ein Landgut, wo er bis zu seinem Lebensende (1892) verblieb und auch beigesetzt wurde. Auch Subh-i Azal verbrachte seine restliche Lebenszeit in Famagusta, wo er am 29. April 1912 verstarb.

Baha’u’llah war mit drei Frauen verheiratet und hatte 14 Nachkommen, von denen vier Söhne und drei Töchter den Baha’i-Propheten überlebten.

Am 29. Mai 1892 verstarb Baha’u’llah in Bahji, unweit von Akka. Zu seinem Nachfolger bestimmte er seinen ältesten Sohn ‘Abbas, genannt ‘Abdu’l Baha (»Diener der Herrlichkeit«; geb. 23. Mai 1844). Dieser Berufung widersetzte sich sein jüngerer Halbbruder Muhammad ‘Ali (1853-1937), der ‘Abdu’l Baha zum Vorwurf machte, mit ihr auch eine (quasi-)prophetische Stellung zu verbinden [14]. Er fand Unterstützung im engeren Kreis der Familie Baha’u’llahs, welche sich in dem über Jahre sich hinziehenden Konflikt in zwei feindselige Lager spaltete [15]. Schließlich konnte sich der zunächst unterlegene ‘Abdu’l Baha aber durchsetzen.

In den Jahren 1911 bis 1913 bereiste ‘Abdu’l Baha Europa und Nordeuropa und erschloss damit die Baha’i-Lehre der westlichen Welt. Kurz danach machte er die nahe Akka gelegene Stadt Haifa zum Hauptsitz der unter seiner umsichtigen Führung weltweit anwachsenden Baha’i-Gemeinschaft. Am 28. November 1921 verstarb ‘Abdu’l Baha in Haifa.

Nach den Bestimmungen Baha’u’llahs war Muhammad ‘Ali zum Nachfolger ‘Abdu’l Bahas berufen [16]. Die Feindschaft der beiden Brüder verhinderte dies jedoch (Muhammad ‘Ali gilt den Baha’i als der »Erzbundesbrecher« der Gemeinschaft). ‘Abdu’l Baha widersetzte sich also der Anordnung des Baha’i-Propheten und ernannte testamentarisch seinen 24-jährigen Enkel Shawqi Rabbani (den Baha’i bekannt als Shoghi Effendi; 1897-1957) zu seinem Nachfolger und »Hüter der Sache Gottes« (vali-i amr’ullah). Muhammad ‘Ali und sein Anhang widersetzten sich dieser Ernennung. Schließlich wurde von dissidenten Kreisen auch die Echtheit des Testaments ‘Abdu’l Bahas angefochten [17]. Einmal mehr sah sich die Baha’i-Gemeinschaft in einen bereits traditionellen Nachfolgekonflikt verwickelt und auf eine harte Probe gestellt. Die internen Auseinandersetzungen veranlassten Shoghi Effendi, in den frühen 1940er Jahren sogar seine ganze Familie zu exkommunizieren. [18]

Shoghi Effendi, der sich im Hintergrund hielt und nie in der Öffentlichkeit zeigte, war weniger ein geistlicher Führer, sondern ein Organisator und der Begründer einer straffen Führungsstruktur, die unter der Bezeichnung »Administrative Ordnung« die vormals eher lose Baha’i-Gemeinschaft tief greifend veränderte.

Shoghi Effendi verstarb am 4. November 1957 in London. Bei seinem Tod hinterließ er keine Nachkommen (seine Ehe mit der Kanadierin Mary Maxwell, genannt Ruhiya Khanum [»Geistige Frau«; 1910-2000] blieb kinderlos). Auch konnte er niemanden aus dem familiären Umfeld mit der Hüter-Nachfolge betrauen, da alle in Frage kommenden Anwärter schon Jahre zuvor der Exkommunikation anheim fielen. In der Folge übernahm ein bereits 1950 gegründeter »Internationaler Baha’i-Rat« die interimistische Führung. Ihr Vorsitzender, der US-Amerikaner Charles Mason Remey (1874-1974), beanspruchte 1960, zur Sukzession im Hüteramt berufen zu sein. Er wurde aus der Gemeinschaft verstoßen und gründete darauf in den Vereinigten Staaten eine eigene, am Hüteramt festhaltende Gruppierung, die sich selbst »Orthodoxe Baha’i« nennt. Im offiziellen Baha’ismus erlosch das Hütertum mit dem Ableben Shoghi Effendis.

Am 21. April 1963 wurde das im Testament ‘Abdu’l Bahas vorgesehene »Universale Haus der Gerechtigkeit« (Bait al-‘adl-i a‘zam) errichtet. Es setzt sich aus neun Mitgliedern zusammen (Frauen sind nicht zugelassen), wird alle fünf Jahre gewählt und hat seinen Sitz in Haifa (Israel). Es ist die mit unfehlbarer Autorität ausgestattete oberste Glaubens- und Führungsinstanz der Baha’i-Gemeinschaft.

Lehre

Gott und Welt

Das Gottesbild der Baha’i entspricht dem des Islam. Gelehrt wird ein konsequenter Monotheismus (Ein-Gott-Lehre), in dem die christliche Vorstellung von der Dreieinigkeit und Menschwerdung Gottes verworfen wird. Ein Verstehen Gottes verschließt sich menschlicher Erfahrung. Gott kann nicht in seinem Wesen, sondern nur in seinen Eigenschaften, in seiner Schöpfung und in den von Gott gesandten Propheten erkannt werden. Die Welt – und mit ihr auch das Universum – ist von Gott geschaffen und ewig wie Gott selbst. Doch ist die Ewigkeit Gottes selbst ursachlos, so ist die der Schöpfung von Gott verursacht und geht im Sinne der Emanation aus Gott hervor.

Der Mensch und seine Berufung

Der Mensch (insan) ist wie alles Leben eine göttliche Schöpfung. Unter allem Geschaffenen genießt er die höchste Rangstufe und bildet somit die »Krönung der Schöpfung«. Des Menschen Aufgabe besteht in der Hinwendung zu Gott, im Vollzug seines Willens und in der Anerkennung der Propheten oder Gesandten Gottes auf Erden.

Der Mensch besteht aus Körper, Geist und Seele. Seine körperliche Beschaffenheit teilt er mit der Tierwelt. Aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten unterscheidet er sich aber vom Animalischen. Sie befähigen ihn zur eigenen Urteilsbildung und zum Erkennen des göttlichen Willens. Die Seele (nafs) ist eine göttliche Schöpfung im Augenblick der Zeugung; sie ist unsterblich und ewig.

Nach dem Tod hat sich der Mensch vor Gott zu verantworten, doch ist es Gott allein, der sein Urteil fällt – denn er tut, wie ihm gefällt. Dennoch besteht die Auffassung von einer seelischen Läuterung im Jenseits (‘uqba), das nicht als materieller, sondern als geistiger Ort der Gottesnähe oder Gottesferne verstanden wird.

Der Bund Gottes

Grundlegend für das Religionsverständnis der Baha’i ist der Bundesgedanke. Gott schließt mit den Gläubigen einen Bund (‘ahd, mithaq) und manifestiert sich in bestimmten historischen Zyklen in von Gott auserwählten Propheten. Der Prophet ist ein Abbild, eine Manifestation, Offenbarung oder Erscheinung Gottes (mazhar oder mazhar’ullah) und dessen Verkünder auf Erden.

Einer der zentralen Begriffe der Baha’i ist der der »Offenbarung« (wahy). Gott spricht durch seine Gesandten (Offenbarer) und bekundet durch sie seinen Willen. Dadurch, dass der Mensch die heilige Stufe des von Gott gesandten Offenbarers anerkennt, steht er im Bund mit Gott und der Gemeinschaft der Gläubigen. Die unbedingte Treue und Standfestigkeit im Bund ist grundlegend für alle Mitglieder der Baha’i-Gemeinschaft. Jede Verletzung des Bundes (Auflehnung oder Kritik an der von Gott gegebenen Ordnung) erfüllt somit den Tatbestand des »Bundesbruchs« und wird mit dem Ausschluss (Exkommunikation) aus der Gemeinschaft geahndet. [19]

Einheit der Religionen

Nach der Lehre der Baha’i bilden alle Religionen – sofern sie sich auf eine göttliche Offenbarung (Bibel, Qur’an usw.) berufen – eine »Einheit«. Alle Religionen kommen von Gott und sind ein Ausdruck der göttlichen Willenskundgebung auf Erden. Diesem Einheitsschema zugeordnet werden vor allem die nahöstlichen Religionen: Zoroastrismus, Judentum, Christentum und Islam, sowie der nur kurzlebige Babismus, der dem Baha’ismus unmittelbar vorausging. Später wurden auch der Hinduismus und der Buddhismus als göttlich gestiftete Offenbarungsreligionen vereinnahmt, auch wenn die fernöstlichen Lehren dem baha’istischen Religionsverständnis kaum zu entsprechen vermögen. [20]

Dem Einheitsgedanken liegt die Vorstellung zugrunde, dass sich Gott in aufeinander folgenden und sich ablösenden geschichtlichen Epochen immer wieder neu offenbart, um den Menschen seinen Willen kundzutun. In diesem Prozess zyklischer oder fortschreitender Gottesoffenbarung ist jede Religion die Vollendung und zugleich auch der Abschluss der ihr vorausgegangenen Religionsstufe. Jeder Offenbarungszyklus entspricht der spirituellen Reife der Menschen in einem bestimmten historischen Kontext. Ändert sich im Lauf der Geschichte die geistig-spirituelle Grundlage der Menschheit, dann manifestiert sich Gott in einer neuen Offenbarung, die einem fortgeschrittenen Bewusstsein und den Voraussetzungen einer veränderten Welt entspricht. Mit dem Entstehen einer neuen Religionsstufe verlieren die früheren Glaubensbekenntnisse demnach ihren einstigen Wahrheits- und Geltungsanspruch. Die »Einheit der Religionen« meint also kein Nebeneinander verschiedener gleich gültiger Lehren im Sinne einer ökumenischen oder panreligiösen Idee. Im gegenwärtigen Zeitalter hat sich Gott in Baha’u’llah offenbart und stellt seine Lehre den Abschluss aller früheren Religionsstufen dar. Freilich ist auch die Baha’i-Lehre zeitlich begrenzt und wird dereinst von einer höheren Religionsstufe abgelöst werden. Im gegenwärtigen, mindestens tausend Jahre währenden Zeitalter ist der Baha’ismus jedoch die allein wahre Religion Gottes und behalten ihre »ewigen Wahrheiten« auch danach in einem rund 500,000 Jahre währenden Baha’i-Äon ihre Gültigkeit. [21]

Einheit der Menschheit

Gleich der Einheit der Religionen lehrt der Baha’ismus auch die Einheit der gesamten Menschheit. Er verwirft die Scheidung der Menschen nach rassischen, sozialen und nationalen Kriterien. Wie die früheren Glaubenslehren gelten auch die bestehenden gesellschaftlichen Ordnungssysteme als überholt und abgegolten. Deshalb ist eine neue Gottesoffenbarung, ein neues religiöses Gesetz und eine auf ihm beruhende neue (Welt-)Ordnung unabdingbar. Das Ziel besteht in der Überwindung und Abschaffung der Nationalstaaten und in der Errichtung einer theokratischen Ordnung in einem Welteinheitsstaat auf der Grundlage der Gesetze Baha’u’llahs. Die Welt soll durch seine neue Ordnung umgestaltet und der universalen Einheit zugeführt werden. »Bald wird die heutige Ordnung aufgerollt und eine neue an ihrer Staat entfaltet werden«, prophezeite Baha’u’llah.

Praxis

Der Baha’ismus kennt nur wenige Riten und kultische Verrichtungen. Der Gläubige ist verpflichtet, täglich (morgens, mittags und abends), ein von Baha’u’llah offenbartes Gebet zu sprechen [22]. Die Einhaltung einer alljährlichen Fastenzeit im Monat März ist ebenfalls verpflichtend. Zu den religiösen Obliegenheiten zählt auch die Pilgerfahrt zu den heiligen Stätten in Akka (Israel).

Zur Sicherung der finanziellen Grundlage der Gemeinschaft ist den Gläubigen neben freiwilligen Entrichtungen die Zahlung der zakat (einer Art Sozialsteuer) auferlegt. Verordnet ist außerdem die Abgabe von 19 Prozent des jährlich erwirtschafteten Gewinns, huquq’ullah (»Gottesrechte«) genannt.

Die Gläubigen treffen sich alle 19 Tage – die Zahl 19 hat im Baha’itum esoterische Bedeutung – zu gemeinsamer Andacht, zur Aussprache innergemeinschaftlicher Belange und geselligem Beisammensein. Nichtgläubigen ist die Teilnahme am »Neunzehntagefest« verwehrt. Die Gotteshäuser der Baha’i nennen sich »Haus der Andacht« (mashriq’ul adhkar), von denen es gegenwärtig (2009) nur sieben weltweit gibt. Das erste Haus der Andacht in der westlichen Welt wurde 1953 in Chicago (USA) eingeweiht.

Besondere Merkmale, die die Baha’i von einem andersgläubigen Umfeld unterscheiden, gibt es keine. Die Gläubigen sind gehalten, sich den Gepflogenheiten der Mehrheitsgesellschaft anzugleichen; allerdings ist ihnen jede politische Tätigkeit untersagt [23]. In der innergemeinschaftlichen Begegnung sind die Frauen den Männern gleichgestellt. Ausnahmen gibt es bei der Wahl zum Universalen Haus der Gerechtigkeit (in das nur Männer gewählt werden können) sowie im Ehe- und Erbrecht. Verworfen wird Müßiggang (Berufspflicht), Bettelei, Drogen- und Alkoholkonsum.

Kalender, Fest- und Feiertage

Die Baha’i verfügen über einen eigenen Kalender, der auf ‘Ali Muhammad al-Bab zurückgeht. Er zählt 19 Monate zu 19 Tagen, was 361 Tage ergibt. Unter Einfügung von Zusatztagen (ayyam-i ha) zwischen dem achtzehnten und neunzehnten Monat (pro Jahr 4, in einem Schaltjahr 5 Tage) wird dieser dem Sonnenjahr (365 Tage) angepasst. Die Zeitrechnung der Baha’i hat das Jahr 1844, das Jahr der Entstehung des Babismus, zu ihrem Ausgang (der Baha’ismus entstand korrekterweise erst im Jahr 1866). Das neue Jahr beginnt mit der Frühlings-Tagundnachtgleiche (21. März) und entspricht dem persischen Neujahr (nauruz). Die Woche zählt sieben Tage, die mit dem Untergang der Sonne beginnen und enden; ihr erster Tag ist der Samstag, ihr letzter der Freitag. Der Baha’i-Kalender zählt neun mit völliger Arbeitsruhe verbundene Fest- und Gedenktage. Von einer Begehung anderer Feiertage (z.B. Weihnachten, Ostern usw.) wird den Baha’i abgeraten.

Religionsgesetz

Gleich dem shari‘a-Recht des Islam verfügt auch der Baha’ismus über eine religiös verfasste Rechtsordnung. Das Recht der Baha’i ist theonomes (von Gott kommendes) Recht. Als Rechtsquellen gelten das göttliche Recht (haqq Allah = ius divinum), wie es in der Offenbarung gegeben und im Kitab al-Aqdas, dem Gesetzbuch der Baha’i, enthalten ist; sodann das mittelbar göttliche, vom Universalen Haus der Gerechtigkeit erzeugte Recht (ius divinum complementarum), sowie das menschliche, von den nationalen und lokalen Körperschaften der Gemeinschaft gesetzte partikulare Recht (haqq adami = ius humanum). Das Gewohnheitsrecht (‘ada = consuetudo) hat im Baha’itum keine Entsprechung. Ebenso wird das weltliche (säkulare) Recht abgelehnt; es ist den Baha’i »weder Quelle noch Vorbild«. [24]

Die Gesetze der Baha’i sind verbindlich für alle Gläubigen. Dies gilt vor allem für die vom Religionsstifter Baha’u’llah im Kitab al-Aqdas (dem »Heiligsten Buch«) kodifizierten Normen. Sie sind unabänderlich und können im gegenwärtigen Tausendjahrzyklus der Sendung Baha’u’llahs nicht abgeschafft, modifiziert oder an veränderte Bedingungen angepasst werden. Auch das Universale Haus der Gerechtigkeit sowie die nationalen und lokalen Körperschaften (Geistige Räte) können die bestehende Rechtsordnung Baha’u’llahs weder ändern noch abschaffen. Sie können nur solche Gesetze erlassen, die nicht bereits im Buche Aqdas enthalten sind und zu diesem nicht im Widerspruch stehen. Für die Gesetzgebung des Universalen Hauses der Gerechtigkeit gilt zudem der Grundsatz der Unfehlbarkeit.

Das Baha’i-Recht beansprucht supranationale Geltung und gilt demnach für alle Gläubigen, unbeschadet ihrer Nationalität oder ihres Wohnsitzes. Gleichzeitig erstreckt sich die baha’istische Rechtsordnung – zumindest theoretisch – auch auf die Nichtgläubigen, denn das Gottesgesetz ist »für die ganze Menschheit«. [25]

Im Kitab al-Aqdas erfahren vor allem folgende Bereiche eine rechtliche Regelung: Kult, Ethik, Finanzen, Organisation, Zivil- und Strafrecht.

Die Ehe (nikah) ist eine von Gott verordnete Einrichtung: »Gott hat euch den Ehestand verordnet«. Zugelassen ist die Vielehe (Polygamie), doch rät Baha’u’llah, nicht mehr als zwei Frauen zu ehelichen (Bigamie), gibt gleichzeitig aber der Einehe (Monogamie) den Vorzug. Dem Mann ist erlaubt, neben der Ehefrau noch eine »Jungfer« in Dienst zu nehmen. Der Eheschluss bedarf der Zustimmung der beiderseitigen Eltern – sowohl des Bräutigams als auch der Braut. Voraussetzung zur Heirat ist ferner die Entrichtung einer Mitgift (mahr = »Morgengabe«), die der Mann der Frau schuldet. Erweist sich beim Vollzug der Ehe die abhanden gekommene Jungfräulichkeit der Frau, so hat der Mann Anspruch auf Rückzahlung der Heiratskosten und der Morgengabe (Mitgift). Wurde die Jungfräulichkeit zur Bedingung der Eheschließung gemacht, so bewirkt deren Nichterfüllung die Nichtigkeit der Ehe. Die Ehescheidung (talaq) wird missbilligt, ist aber nicht ausgeschlossen. Allerdings spricht das Aqdas nur vom Scheidungsbegehren des Mannes [26]. Der Scheidung geht ein Wartejahr voraus, in dem versucht werden soll, dass sich die Scheidungswilligen wieder versöhnen.

Vor- und außereheliche Verbindungen und sexuelle Beziehungen, Ehebruch, Konkubinat und Homosexualität gelten als Unzucht (zina’) und sind unter Strafe verboten. Für andere Vergehen sind Gefängnis oder die Zahlung von Straf- und Sühnegeldern verfügt. Diebstahl wird mit Gefängnis und Verbannung geahndet. Dem rückfälligen Täter ist zum Zwecke der Ächtung und der sozialen Ausgrenzung ein »Mal« (Brandmal?) auf der Stirn anzubringen [27]. Totschlag, Mord und Brandstiftung unterliegen der Todesstrafe.

Jeder Gläubige ist verpflichtet, ein Testament zu verfassen. Das Kitab al-Aqdas spricht nur vom Mann als dem Erblasser; über die Erbfolge der Frau werden keine Aussagen gemacht [28]. Für den Intestatfall ist im Aqdas eine detaillierte gesetzliche Erbaufteilung vorgesehen. Nicht-Baha’i sind von der gesetzlichen Erbfolge ausgeschlossen.

Das um 1873 verfasste Kitab al-Aqdas, in dem die Gesetze Baha’u’llahs enthalten sind, war den Gläubigen – zumal in der westlichen Welt – über hundert Jahre nicht zugänglich und also weitgehend unbekannt. Erst seit 1992 besteht eine englische, seit 1996 eine französische und seit 2000 auch eine deutsche Übersetzung. Der Grund für die lange Zurückhaltung der für die Baha’i wichtigsten Offenbarungsquelle wird damit erklärt, dass die Normen – insbesondere jene, die die staatliche Ordnung und das Strafrecht betreffen – in die Zukunft greifen und »ein Gemeinwesen voraussetzen, das schon von den politischen Strukturen der Offenbarung Baha’u’llahs geprägt ist«. [29]

Theokratie und Verwaltungsordnung

Die Baha’i weisen eine auf demokratischer Basis beruhende weltliche (säkulare) Ordnung von sich. Ihr Staatsverständnis gründet auf der Vorstellung, dass Religion und Gesellschaft eine unteilbare Einheit bilden. Eine Trennung von Religion und Staat – von Glaube und Gesellschaft resp. individueller und sozialer Lebenswelt – wird demnach verworfen [30]. Dennoch sind die Gläubigen verpflichtet, die derzeit bestehende Rechtsordnung des Landes, in dem sie wohnen, bis zur Umsetzung ihrer religiös fundierten Rechts- und Staatsordnung in einem theokratischen Universalstaat zu respektieren.

Die Verbindung von Religion und Staat ist ein zentrales Element der schiitischen Staatsideologie, der gemäß die weltliche Herrschaft zugleich religiös legitimiert sein muss. In der Überzeugung der orthodoxen Schiiten vereint sich im Imamat (der Herrschaft des noch verborgenen zwölften Imam) die geistliche und irdische Herrschaft zugleich. Im Iran, dem Hauptverbreitungsgebiet der Zwölfer-Schiiten, hat die derzeit weltliche Herrschaft bis zum Erscheinen des Zwölften Imam als der Imam Mahdi demnach nur provisorischen Charakter. So wird in der 1979 promulgierten Verfassung der Islamischen Republik Iran der im 10. Jahrhundert entrückte Zwölfte Imam als legitimer Führer bezeichnet und die weltliche Regierung bis zu dessen Wiederkunft nur als Übergangslösung gesehen. Dieses Staatsverständnis vertrat auch ‘Ali Muhammad al-Bab, der 1848 verkündete, der verheißene Mahdi zu sein. Darauf versuchten seine Anhänger in blutigen Aufständen einen theokratischen Staat (= Gottesstaat) im Iran zu errichten. Nach der Hinrichtung al-Babs und dem Scheitern der babistischen Bewegung erwuchs aus ihr der Baha’ismus unter der Führung Baha’u’llahs. Dieser adoptierte die schiitische und babistische Staatsideologie und erarbeitete auf ihr nun seine Vorstellung von einem göttlich geführten Weltgemeinwesen, das allerdings nicht mit Gewalt, sondern mit friedlichen Mitteln zu verwirklichen ist.

Wie die Theokratie der Baha’i konkret aussehen soll, wird in den Schriften nur sehr vage angedeutet. Hierbei kommt den Baha’i eine schiitische Praxis zugute, die es erlaubt, in Situationen der Gefahr den eigenen Glauben zu verleugnen oder zu verschleiern. Diese Praxis wird im schiitischen Islam und Babismus taqiya (»Vorsicht«), im Baha’ismus hikma (»Weisheit«) genannt [31]. Schriftbelege, die auf den theokratischen Charakter der Baha’i-Ordnung verweisen, sind unter Anwendung der hikma sehr selten, in ihren zumeist verklausulierten Aussagen dennoch aber aussagekräftig. So schreibt Shoghi Effendi vom Baha’ismus als der »Staatsreligion« in einem »Baha’i-Staat« bzw. »Baha’i-Weltstaat« [32], wobei dessen theokratischer Charakter aber unerwähnt bleibt. Auch im Kitab al-Aqdas ist vom Baha’ismus als »Staatsreligion einer unabhängigen, souveränen Macht« die Rede [33]. Etwas präziser unterstreicht Udo Schaefer, den »theokratischen Charakter« der Baha’i-Ordnung. [34]

Das Fundament der Baha’i-Theokratie ist die »Verwaltungsordnung«, auch »Administrative Ordnung« genannt. Innerhalb dieser Ordnung verkörpert das Universale Haus der Gerechtigkeit die höchste Führungsinstanz. Seine Beschlüsse »sind von Gott«, somit unfehlbar [35] und für alle Gläubigen absolut verbindlich. Das Universale Haus der Gerechtigkeit (mit Sitz in Haifa, Israel) ist gleichzeitig auch das oberste Gremium eines künftigen »Baha’i-Weltstaates«, »es erlässt die Gesetze und die Regierung führt sie durch«. [36]

Auf nationaler und lokaler Ebene fungieren die Nationalen Geistigen Räte und die örtlichen Geistigen Räte als zentrale Führungsinstanzen. Sie werden jährlich gewählt und zählen neun Mitglieder (Männer und Frauen). Sie sind »von Gott inspiriert«, weshalb die Gläubigen auch ihnen unbedingten Gehorsam schulden. [37]

Grundsätzlich gilt, dass die Baha’i-Ordnung auf der Souveränität Gottes beruht. Damit unterscheidet sie sich von einer säkular-demokratischen Ordnung, in der das Volk der Souverän ist [38]. Die Institutionen der Baha’i handeln autonom und schulden den Gläubigen keine Rechenschaft [39]. Auch hat der in allen Demokratien geltende Grundsatz der Gewaltentrennung (Legislative, Exekutive und Judikative) im Baha’itum keine Entsprechung. [40]

Schrifttum

Das Schrifttum der Baha’i ist ausgesprochen umfangreich. Von diesem liegen viele Texte auch in westlichen Übersetzungen vor. Die wichtigste Quelle der Baha’i-Offenbarung ist das Kitab al-Aqdas, das von Baha’u’llah verfasste »Heiligste Buch«. Im Gegensatz zu weniger zentralen Texten wurde es erst Ende des 20. Jahrhunderts übersetzt und den Gläubigen zugänglich gemacht. Unter den Schriften ‘Abdu’l Bahas sind vor allem sein Wille und Testament sowie seine Beantworteten Fragen von Bedeutung. Sein Maqala-i shakhsi sayyah (»Bericht eines Reisenden«) wurde 1891 von E.G. Browne unter dem Titel A Traveller’s Narrative written to illustrate the Episode of the Bab herausgegeben. Aufgrund der kritischen Aufarbeitung durch den Herausgeber fand das gerade dadurch historisch wertvolle Buch unter den Baha’i jedoch keine nennenswerte Verbreitung. Sehr umfassend ist schließlich auch Shoghi Effendis literarische Hinterlassenschaft. Unter seinen Schriften sei hier lediglich sein Standardwerk Gott geht vorüber erwähnt, in dem in hagiographisch verklärter und historisch wenig zuverlässiger Form die Geschichte des Babismus und Baha’ismus von ihren Anfängen bis in die 1940er Jahre nachgezeichnet wird.

Verbreitung

Der Baha’ismus ist eine missionierende Religion. Die Baha’i selbst sprechen aber nicht von »missionieren«, sondern von »pionieren«. Die Glaubenspropaganda vollzieht sich auf der Grundlage ausdifferenzierter »Jahrespläne«, in denen genau festgelegt wird, wo und wie viele Gemeinden in einem vorgegebenen Zeitrahmen zu errichten sind. Zu diesem Zweck sind die Gläubigen aufgerufen, als »Pioniere« in die entsprechenden Zielorte umzusiedeln. Der Beitritt zum Baha’ismus bedingt die Preisgabe der Zugehörigkeit zu einer anderen Religionsgemeinschaft. [41]

Die Baha’i zählen nicht ihre Mitglieder, sondern den Bestand ihrer nationalen und örtlichen Geistigen Räte. Statistische Angaben aus dem Jahr 2001 nennen weltweit 182 Nationale Geistige Räte (nationale Körperschaften) und 11,740 Geistige Räte (Lokalgemeinden). Zur Bildung eines Geistigen Rates sind mindestens neun ortsansässige Mitglieder erforderlich; eine Zahl, die vielerorts kaum überschritten wird. Nichtoffizielle Schätzungen gehen von weltweit 5 bis 8 Millionen Anhängern aus (Stand 2009). Allein in Indien sollen es über 2 Millionen sein. In seinem Ursprungsland Iran leben rund 300,000 Gläubige. Gering ist die Zahl in den USA und Europa. Insider halten die hohen Zahlen für eine Übertreibung und sprechen von nur knapp 3 Millionen Mitgliedern weltweit. [42]

In Israel, wo sich der Hauptsitz der Gemeinschaft befindet, ist es den Baha’i staatlicherseits verboten, für ihren Glauben zu werben und Gemeinden zu errichten: »… the Israeli government has allowed followers of the Bahai faith to maintain their center in Israel, but prohibited them from proselytizing in the country«. [43]

Verfolgung im Iran

Im Iran bekennen sich 99% der Bevölkerung zum Islam, wovon auf die Schiiten rund 90% und auf die Sunniten rund 8% entfallen. Etwa 250,000 Menschen bekennen sich zum Christentum – in erster Linie Armenier, Assyrer und Chaldäer. Sie werden in der Verfassung der Islamischen Republik Iran als religiöse Minderheiten anerkannt. Keinen Verfassungsschutz genießen die rund 300,000 Baha’i. Ihre Religion gilt den Muslimen als Abspaltung vom Islam und entzieht sich daher der staatlichen Duldung.

Seit ihrem Bestehen wurden der Baha’ismus und der ihm vorangegangene Babismus immer wieder verfolgt oder stark eingeschränkt, zuweilen aber auch stillschweigend geduldet, besonders unter den Regimes des säkular eingestellten Riza Shah Pahlavi (reg. 1925-1941) und seines Nachfolgers Muhammad Riza Shah Pahlavi (reg. 1941-1979). Besonders hart traf den Baha’ismus die islamische Revolution des Ayat’ullah Khomeiny des Jahres 1979. Tausende Baha’i wurden inhaftiert und rund 200 fanden in Ausschreitungen oder durch Urteile der Revolutionsgerichte den Tod. Abertausende wurden aus öffentlichen Diensten entlassen, verloren ihren Arbeitsplatz und ihre Lebensgrundlage. Mindestens 10,000 Gläubige verließen das Land, um der Verfolgung zu entkommen. Aussagen zufolge, befanden sich 2009 noch etwa 37 Personen in Haft [44].

Kritik

Stimmen, die sich mit dem noch wenig bekannten Baha’ismus kritisch auseinander setzen, finden sich – zumal in Europa – noch selten. In der allgemeinen Wahrnehmung erscheint der Baha’ismus als moderne, aufgeschlossene und tolerante Religion. Ihre zentralen Anliegen – Einheit der Religionen, Einheit der Menschheit, Gleichberechtigung der Geschlechter, Übereinstimmung von Religion und Wissenschaft, Lösung der sozialen Fragen usw. – erscheinen auch dem Außenstehenden einsichtig und attraktiv und bieten von daher nur wenig Angriffsflächen. Für viele ist das Baha’itum weniger eine Religion mit starren Dogmen, Riten und festgeschriebenen Normen, sondern eine aufgeklärte und freigeistige Bewegung, die sich der ökumenischen oder überkonfessionellen Einigung sowie einer globalen Weltverbrüderung verpflichtet weiß. Die anhaltende Repression, der sich die Baha’i seit ihren Anfängen im Iran und anderen islamischen Länder ausgesetzt sehen, sichert ihnen ebenfalls ein hohes Maß an Solidarität und Sympathie.

Entgegen seiner Selbstaussagen und der gängigen Fremdeinschätzung im Westen weist der Baha’ismus dennoch Wesenszüge auf, die geeignet sind, die genannten positiven Aussagen zu relativieren. So ist sein Verständnis von der Einheit der Religionen durchweg hinterfragbar, wenn er sich im gegenwärtigen Tausendjahrzyklus als die allein wahre Religion betrachtet und alle früheren Glaubenssysteme als überholt und abgegolten bezeichnet [45]. Kritikwürdig erscheint auch das Ideal der Einheit der gesamten Menschheit, wenn diese »Einheit« in einen theokratisch regierten Baha’i-Weltstaat mündet, in dem der Baha’ismus den Status einer (Welt-)Staatsreligion beansprucht und sich die Baha’i-Führung als oberste politisch-religiöse Weltinstanz versteht [46]. Dass der Baha’ismus aufgrund seiner nur marginalen Bedeutung zur Durchsetzung seiner Vorhaben (noch) nicht imstande ist, ändert nichts an der vorgegebenen Zielsetzung. [47]

Der Baha’ismus verfügt über ein verbindliches Religionsgesetz, das dem islamischen shari‘a-Recht durchaus vergleichbar ist. Viele seiner Bestimmungen – vor allem im Bereich des Zivil-, Ehe-, Erb- und Strafrecht – erscheinen für westliche Menschen nur schwer nachvollziehbar und stehen teilweise auch im Widerspruch zur einer säkularen Rechtsordnung. Die Tatsache, dass die Gesetze Baha’u’llahs (auch solche, die das tägliche Leben betreffen) in einem Zeitrahmen von mindestens tausend Jahren nicht modifizierbar sind und also nicht an veränderte Bedingungen angepasst werden können, widerstrebt nach Meinung der Kritiker dem im Baha’itum propagierten Ideal der Übereinstimmung von Glaube und Vernunft. Weitere Kritikpunkte sind die rigide Sexualmoral, die Todesstrafe, die Verstümmelung Straffälliger, aber auch der unbedingte Glaubensgehorsam gegenüber einer unfehlbaren und absolutistischen Führung, ferner das Verbot politischer Betätigung (damit auch die Unterbindung bürgerlicher Rechte und der freien Meinungsbildung), die unnachgiebige Exkommunikationspraxis [48] und interne Zensurvorschriften.

In der westlichen Welt wird die schwierige Lage der Baha’i im Iran zuweilen mit den Nazi-Pogromen im Dritten Reich gleichgesetzt, was sich in dieser inadäquaten Überzeichnung allerdings verbietet. Gänzlich verkannt wird von westlichen Betrachtern, dass die gegenwärtige Repression nicht allein religiös motiviert ist, sie vielmehr auch in einem historischen Kontext zu sehen ist. So waren es die den Baha’i vorangegangenen Babi, die sich in den Jahren 1848-1853 in einem Heiligen Krieg (jihad) gegen die schiitische Mehrheitsgesellschaft auflehnten und mit dem Versuch, im Iran einen eigenen Gottesstaat zu errichten, die staatliche Integrität des Landes zu zerschlagen trachteten. Daran hatten die nachkommenden Baha’i zwar keinen Anteil, doch werden sie aufgrund ihrer engen Verflechtung mit dem Babismus und aufgrund der Tatsache, dass sie ihre Entstehung und Zeitrechnung mit der des Babismus (1844) verbinden, mit ihrer militanten Vorläuferreligion und dem Radikalismus der Babi-Ära gleichgesetzt [49]. Dem Baha’itum durchweg nahe stehende Beobachter kritisieren ihrerseits, dass die Baha’i-Führung sich dazu verleiten lässt, die Bedrängnis ihrer Glaubensgenossen im Iran zum Zweck der Eigenwerbung medial zu instrumentalisieren. [50]

Auf keine Kritik reagieren die Baha’i aber derart, wie auf den Vorwurf, dass ihr Glaube eine »Sekte« sei. Sie verstehen sich als eigenständige Religionsgemeinschaft, als jüngstes Glied in der Kette göttlicher Offenbarung und als die allein maßgebliche Universalreligion in einem mehrere Hundertausend Jahre währenden »Baha’i-Äon«.

Quellen

1 MacEoin, D.: From Shaykhism to Babism: A study in Charismatic Renewal in Shi‘i Islam, Ph.D. dissertation, Cambridge University, 1979.
2 Qa’im und Mahdi sind identische Begriffe. Vgl. Momen, W.: A Basic Baha’i Dictionary, Oxford 1989, p. 190.
3 Arab. Bayan (VI,3 und V,7); Browne, E.G.: Journal of the Royal Asiatic Society, 1989, p. 927; MacEoin, D.: The Babi Concept of Holy War. In: Religion 12/1982; Hutter, M.: Die Baha’i – Geschichte und Lehre einer nachislamischen Weltreligion, Marburg 1994, S. 10.
4 Wilson, S.G.: Bahaism and its Claims. New York 1915 (repr. 1970), p. 135; Hutter, M.: Die Baha’i, Marburg 1994, S. 10.
5 Hutter, M.: Die Baha’i – Geschichte und Lehre einer nachislamischen Weltreligion, Marburg 1994, S. 11f.
6 MacEoin, D.M.: Art. »Babism«, in: Encyclopaedia Iranica, Vol. III/3, pp. 315f.
7 MacEoin, D.M.: Art. »Babism«, in: Encyclopaedia Iranica, Vol. III/3, p. 316.
8 Roemer, H.: Die Babi-Beha’i, Diss., Potsdam 1911, S. 72.
9 Hutter, M.: Die Baha’i – Geschichte und Lehre einer nachislamischen Weltreligion, Marburg 1994, S. 15f.
10 Dreyfus, H. : Essai sur le Béhaïsme, Paris 1909, p. 42 ; H. Roemer: Die Babi-Beha’i, Potsdam 1911, S. 75, 79, 84; Shoghi Effendi: Gott geht vorüber, Oxford 1954, S. 174 ; Ficicchia, F : Baha’i – Einheitsreligion und globale Theokratie, Münster 2009, S. 29f.
11 Roemer, H.: Die Babi-Beha’i, Diss., Potsdam 1911, S. 94; Wilson, S.G.: Bahaism and Religious Assassination, in: The Muslim World, Vol. 4, Issue 3, 1914 (http://www.scribd.com/doc/15945091/BAHAISM-AND-RELIGIOUS-ASSASSINATION)
12 Dreyfus, H. : Essai sur le Béhaïsme, Paris 1909, p. 63f; Roemer, H.: Die Babi-Beha’i, Diss., Potsdam 1911, S. 93; Ficicchia, F: Baha’i – Einheitsreligion und globale Theokratie, Münster 2009, S. 26.
13 Ficicchia, F.: Baha’i – Einheitsreligion und globale Theokratie, Münster 2009, S. 30, 31.
14 Roemer, H.: Die Babi-Beha’i, Diss., Potsdam 1911, S. 147. – In der Überzeugung der Baha’i gelten auch die Worte ‘Abdu’l Bahas als göttliche Offenbarungen und haben demnach die gleiche Gültigkeit wie jene des Propheten Baha’u’llah (Shoghi Effendi: Gott geht vorüber, Oxford 1954, S. 372; Schaefer, U.: Die Grundlagen der Verwaltungsordnung der Baha’i, Diss., Heidelberg 1957, S. 62).
15 Browne, E.G.: Art. »Bab, Babis«, in: Encyclopaedia of Religion and Ethics, Vol. II, Edinburgh 1909, p. 304; Shoghi Effendi: Gott geht vorüber, Oxford 1954, S. 279ff.
16 Smith, P.: Art. »Muhammad ‘Ali«, in: A Concise Encyclopedia of the Baha’i Faith, Oxford 2002, p. 252.
17 Vgl. dazu die Schriften von Ahmad Sohrab, Ruth White und Hermann Zimmer in der Rubrik »Literatur«.
18 MacEoin, D.M.: Art. »Bahai Faith«, in: Encyclopedia Iranica, Vol. III/4, p. 448.
19 Schaefer, U.: Die Grundlagen der Verwaltungsordnung der Baha’i, Diss., Heidelberg 1957, S. 32-37.
20 Der Hinduismus ist eine polytheistische Religion (Vielgötterei) und beruft sich auf keine zentrale Stifterpersönlichkeit, an die im Sinne der Kontinuität göttlicher Offenbarung angeknüpft werden könnte. Der Buddhismus ist eine atheistische (gottlose) Religion und kennt als solche auch keine himmlische Offenbarung (Buddha ist den Buddhisten weder ein Prophet noch eine Manifestation Gottes).
21 Shoghi Effendi: Directives from the Guardian, Wilmette, Ill., 1973, p. 7.
22 Smith, P.: Art. »prayer«, in: A Concise Encyclopedia of the Baha’i Faith, Oxford, 2002, p. 274.
23 Shoghi Effendi: Principles of Baha’i Administration – A Compilation, Manchester 1950, London 1963, pp. 41ff; Schaefer, U.: Die Grundlagen Verwaltungsordnung der Baha’i, Diss., Heidelberg 1957, S. 97; Ficicchia, F.: Baha’i – Einheitsreligion und globale Theokratie, Münster 2009, S. 64, 72, 73, 133.
24 Schaefer, U.: Die Grundlagen der Verwaltungsordnung der Baha’i, Diss., Heidelberg 1957, S. 78.
25 Schaefer, U.: Das Recht der Religionsgemeinschaft der Baha’i, in: Kirche & Recht, Zeitschrift für die kirchliche und staatliche Praxis, Neuwied, 4/2001, S. 29.
26 Schaefer, U.: Das Recht der Religionsgemeinschaft der Baha’i, in: Kirche & Recht, Zeitschrift für die kirchliche und staatliche Praxis, Neuwied, 4/2001, S. 34, Anm. 169.
27 Über die Art dieses »Mals« (Gesichtsnarbe, Verstümmelung, Entstellung oder Stigmatisierung) werden keine Aussagen gemacht.
28 Schaefer, U.: Desinformation als Methode, Hildesheim 1995, S. 283.
29 Schaefer, U.: Desinformation als Methode, Hildesheim 1995, S. 259.
30 Ficichia, F.: Baha’i – Einheitsreligion und globale Theokratie, Münster 2009, S. 64, 71ff, 89, 120.
31 Roemer, H.: Die Babi-Beha’i, Diss., Potsdam 1911, S. 110, 141; MacEoin, D.: From Babism to Bahaism, in: Religion 13/1983, p. 226 (http://bahai-library.org/articles/babism.maceoin.html)
32 Shoghi Effendi: Gott geht vorüber, Oxford 1954, S. 413, 371.
33 Baha’u’llah: Kitab-i-Aqdas, Hofheim 2000, E49, S. 215.
34 Schaefer, U.: Die Grundlagen der Verwaltungsordnung der Baha’i, Diss., Heidelberg 1957, S. 51, 92, 122.
35 Schaefer, U.: Die Grundlagen der Verwaltungsordnung der Baha’i, Diss., Heidelberg 1957, S. 75.
36 ‘Abdu’l Baha: Wille und Testament, Frankfurt/M. 1964, S. 28.
37 Schaefer, U.: Die Grundlagen der Verwaltungsordnung der Baha’i, Diss., Heidelberg 1957, S. 123.
38 Shoghi Effendi: Die Sendung Baha’u’llahs, Oxford 1948, S. 69.
39 Shoghi Effendi: Die Sendung Baha’u’llahs, Oxford 1948, S. 69; Shoghi Effendi: Gott geht vorüber, Oxford 1954, S. 373.
40 Schaefer, U.: Die Grundlagen der Verwaltungsordnung der Baha’i, Diss., Heidelberg 1957, S. 104.
41 Schaefer, U.: Die Grundlagen der Verwaltungsordnung der Baha’i, Diss., Heidelberg 1957, S. 97f.
42 Ficicchia, F.: Baha’i – Einheitsreligion und globale Theokratie, Münster 2009, S. 76-79.
43 The Jewish Journal, 25.1.2009 (http://www.jewishjournal.com/iranianamericanjews/item/persian_born_bahai_faith_finds_safe_haven_in_israel/). Vgl. auch: http://www.scribd.com/doc/17744968/Bahaism-and-Politics
44 Communiqué des US-Staatsdepartements vom 13.2.2009 (http://www.state.gov/r/pa/prs/ps/2009/02/117332.htm)
45 Manfred Hutter (Die Baha’i – Geschichte und Lehre einer nachislamischen Weltreligion, Marburg 1994, S. 46f) verdeutlicht, »dass eine Einheit der Religionen nur eine Einheit im Sinne der Offenbarung Baha’u’llahs sein kann, in der alle anderen Religionen aufgehen, wobei der Religionswissenschaftler darauf hinweisen muss, dass die Rede von der Einheit letztlich eine verschleierte Form einer Ausschließlichkeit darstellt«.
46 Ficicchia, F.: Baha’i – Einheitsreligion und globale Theokratie, Münster 2009, S. 73, 109, 119f, 133; McGlinn, S.: Church and State in the World Order of Baha’u’llah (http://bahai-library.com/unpubl.articles/church.html)
47 »As with Islamic fundamentalism … one key trend is the insistence on divine governance and rejection of its negative counterpart, the modern secular state« (J.R. Cole, Fundamentalism in the Contemporary U.S. Baha’i Community, in: Religious Studies Review, Vol. 43, no. 3 (March, 2002), pp. 195-217 (http://iranscope.ghandchi.com/Anthology/Bahai/fundamentalism.htm)
48 Jedem Gläubigen (selbst den engsten Familienangehörigen) ist unter Androhung derselben Strafe verboten, weiter mit dem Ausgestoßenen zu verkehren. Mit der Exkommunikation verliert der Geächtete generell das »Personsein« (Schaefer, U.: Die Grundlagen der Verwaltungsordnung der Baha’i, Diss., Heidelberg 1957, S. 36), was in einer theokratischen Ordnung, in der Religion, Staat und Gesellschaft eine untrennbare Einheit bilden, einem Ausschluss auch aus dem Sozialverband (der Gesellschaft) gleichkommt.
49 Ficicchia, F.: Baha’i – Einheitsreligion und globale Theokratie, Münster 2009, S. 84.
50 MacEoin, D.: From Babism to Baha’ism, in: Religion, Vol. 13/1983, p. 238 ( http://www.bahai-library.org/articles/babism.maceoin.html).

Literatur

Grundwissen

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Schriften zur Verwaltungsordnung

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Lexika

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Weblinks

Allgemein

http://www.bahai.de/
http://www.at.bahai.org/
http://www.bahai.ch/

Kritische Links

http://web.archive.org/web/20060820181140/www.bahai-kritik.ch/
http://www.bahai-kritik.ch (derzeit offline)
http://www.fglaysher.com/bahaicensorship/
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